Schlagwort: Typografie

Schreiben wir bald alle in der Bierstadt?

In Word-Dokumenten ist seit 2007 die Calibri als Standardschrift voreingestellt. Im kommenden Jahr ändert Microsoft die Standardschrift. Infrage kommen einige Fonts – mit wenigen, aber bedeutsamen Unterschieden.

Von Stefan Brunn

Wenn Microsoft den Schrift-Standard ändert, dann ist das keine Kleinigkeit. Word, Powerpoint und Excel sind weltweit auf Milliarden Rechnern installiert. All diejenigen, auf deren Rechnern die neue Schrift dann nicht installiert ist, sehen den Text anders, ersetzt durch eine andere Schrift.

Was aber noch viel wichtiger ist: Die Entscheidung über die neue Schrift wird auf viele Jahre hinaus unser Lesen beeinflussen, entweder zum Besseren oder zum Schlechteren. Wie man an obigem Bildbeispiel sieht, halten sich die Unterschiede gottlob in engen Grenzen: Wirklich vom gewohnten Bild abweichende Buchstaben gibt es hier nicht.

Aber: Man sieht auch, dass zum Beispiel die Grandview deutlich größer ausfällt als die Konkurrenz – bei gleich eingestellter Schriftgröße. Da die Schriftgröße der entscheidende Faktor bei der Lesegeschwindigkeit ist, betrifft uns das alle, besonders natürlich die Sehschwächeren. Hier hätte also die Grandview deutlich die Nase vorn. Leider ist sie typografisch wohl der schlechteste Griff. Der weltweit bekannte Schriftexperte Erik Spiekermann bezeichnet sie als „Gurke“, als eindeutig schlechteste in der Auswahl. Spiekermanns Empfehlung wäre dagegen die Seaford, die er sehr lebendig findet.

Unsere Empfehlung dagegen wäre die Bierstadt, die sehr nah an Arial/Helvetica ist. Unser Argument: Ähnliche Buchstaben unterscheidet die Bierstadt besser als die Konkurrenz. In unserem Bildbeispiel sieht man das beim großen I und beim kleinen l und auch beim g im Unterschied zum q ganz gut:

Die Bierstadt ist übrigens nach einem Berg in Colorado benannt. „Wer will keine Schrift haben, die Bierstadt heißt?“, spottete Spiekermann in einem DLF-Interview, „Bierzelt fände ich noch besser!“ Der Experte glaubt aber durchaus, dass die Bierstadt das Rennen machen werde …

Das Interview mit Erik Spiekermann (knapp 7 Minuten) können Sie hier hören:

 

Wo finde ich die Schriften?

Die genannten Schriftarten sind bei allen Word-Benutzern mit einem Microsoft365-Abo bereits enthalten. Andere Nutzer können sie noch nicht legal herunterladen. Auf Twitter führt Microsoft auch eine Diskussion mit Usern über die Gebrauchstauglichkeit der Schriften: https://twitter.com/Microsoft/status/1387421384582733827

Wir empfehlen 5 schöne Schriften, die nichts kosten

Mit viel Fleiß und Fachkenntnis hat die Grafikdesignerin Jill M. Sheehan Dutzende kostenlose Schriftarten zusammengestellt, die man auch kommerziell verwenden darf. Wir zeigen 5 davon.

Sheehans tolle Liste mit 70 freien Fonts führt auch viele Schmuck- und reine Headline-Schriften auf, charakterisiert jede Schrift ein bisschen und gibt allgemeine Hinweise zur Verwendung. Wir beschränken uns auf wenige schicke Fonts, die sich auch als Brotschriften eignen und zeigen die wichtigsten Buchstaben in einem Pangramm. Unten drunter nennen wir die Links für den Download. Alle Schriften haben wir ohne jede Anmeldung selbst herunterladen und erfolgreich installieren können. Viel Spaß damit!


Download Blogger Sans


Download Cabin


Download Elaine


Download Noto


Download Vollkorn

Bitte Stufenschnitt, aber nicht zu knapp!

Gesicht und Apfel in gleicher Größe

Gesicht und Apfel in gleicher GrößeWenn Sie ein Bild von einem Apfel und einer Person malen, darf dann der Apfel so groß sein wie der, der ihn isst? Natürlich nicht, so würde es niemand malen. In der Typografie machen diesen Größenverhältnis-Fehler auch Profis. Dabei lässt sich das Problem mit drei Grundregeln leicht vermeiden.

Nach dieser offiziellen Vorgabe sollen sich Schülerinnen und Schüler an bayerischen Gymnasien richten:

Das ist typografischer Unsinn! Zweck des Abstufens mit Schriftgrößen ist doch, dass man inhaltliche Hierarchien sofort erkennt. Und deshalb stuft man nicht nur um 1 pt ab – der Unterschied ist nicht leicht genug erkennbar.

Wie aber stuft man richtig ab? Wir geben Ihnen 3 Grundregeln an die Hand:

1. Nicht zu viele Stufen! 3 sind okay, 4 sind schon anspruchsvoll, 5 registriert niemand mehr. Ausnahme: zum Beispiel Fachgutachten und wissenschaftliche Aufsätze. Aber Sie kennen es selbst: 3.4.3.2. ist ein untrüglicher Hinweis darauf, dass es jemand übertreibt mit der Ordnung. ☺


2. Niemals mit nur 1 pt in der Überschrift einen Hierarchie-Unterschied kennzeichnen. Sowas müsste eigentlich gesetzlich verboten werden. Selbst 2 pt an Größenunterschied (wie oben zwischen Ebene 1 und Ebene 2) sind ohne Fettsatz knapp.


3. Greifen Sie bei Überschriften (nicht unbedingt beim Fließtext) nur auf gerade Schriftgrößen zurück. Erstens kommen Sie dann nicht durcheinander, zweitens dilettieren Sie nicht mit Kommazahlen herum und drittens lässt sich eine solche Ordnung für andere Dokumente leicht merken.


Für eine Gliederung zum Beispiel in Thema, Kapitel und Fließtext bietet sich folgende Abstufung an:

– 24 pt fürs Thema
– 18 pt für die Kapitel
– 12 pt für den Fließtext

Bei 4 Stufen (zum Beispiel mit Zwischenüberschriften) bietet es sich an, so abzustufen:

– 24 pt fürs Thema
– 18 pt für die Kapitel
– 14 pt (fett) für die Zwischenzeilen
– 12 pt für den Fließtext

Übrigens gelten andere Abstufungen, wenn die Überschriften zweizeilig werden: Zwei fette 14-pt-Überschriften wirken massiver als eine magere mit 18 pt.