Kategorie: Allgemein

Puthahn statt Putin, Aspir statt Aspirin!

MurxDoofheit oder Provokation? Man kann es fast nicht glauben, dass ein Mandatsträger seinen Protest gegen das Wort „Fahrspurende“ als vermeintlichen Gender-Begriff ernst meinte. Immerhin: Bei diesem Anlass können Befürworter und Gegner des Genderns endlich mal zusammen lachen.

Von Stefan Brunn

„Jetzt werden sogar Fahrspuren gegendert“, hatte der Berliner AfD-Politiker Gunther Lindemann kürzlich getwittert. Das Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus hielt das Wort „Fahrspurende“ fälschlicherweise für ein Partizip Präsens, das offenbar jemand gewählt hatte, um die männliche Form „Fahrspur“ zu gendern.

Lindemann löste damit, vermutlich unfreiwillig, viele weitere konstruierte Missverständnisse aus. Natürlich griffen auch Satire-Seiten wie der Postillon die Steilvorlage auf: Putin müsste nach dem Willen der AfD männlich benannt werden: Puthahn. An der Börse müssten neben der Dividende Divider und Dividin unterschieden werden. Und die Aspirin-Tablette sollte, so der Postillon, wie früher einfach und männlich als Aspir geschluckt werden. Am schönsten fanden wir aber folgenden grafischen Vorschlag, über den hoffentlich alle Seiten lachen können – ob man sich nun fürs Gendern einsetzt oder dagegen oder vielleicht sogar differenziert:

Als die Deutschen fast einmal ihre Sprache verstaatlicht hätten

MurxAnfang des vorigen Jahrhunderts hätte es fast einmal ein Reichssprachgesetz gegeben, der Gesetzentwurf war schon fertig. Mit Bußgeldern hätte die deutsche Sprache gegen Verstöße geschützt werden sollen. Man stelle sich vor: 25 Euro berappen für einen verbotenen Anglizismus oder ähnliches …

Von Stefan Brunn

Wem gehört die deutsche Sprache? Kleiner Tipp: Das deutsche Volk ist es nicht! Auch der deutsche Staat hat keine Eigentumsrechte daran. Richtig: Die deutsche Sprache ist ein freies Gut, über das jeder Einzelne frei verfügen kann, solange er die Freiheit der anderen nicht unerlaubt einschränkt.

Jedenfalls ist es so, dass Sie jederzeit ungestraft zu Ihrem Bett Bild sagen können und zu Ihrem Tisch Teppich. Sie dürfen Majonäse schreiben oder Maionnaise oder auch maJoNäs. Sie dürfen die Kommata setzen, wo Sie wollen, alles groß schreiben oder klein – und keiner kann Ihnen was, selbst wenn Sie einfach mitten im Satz koreanische Schriftzeichen einfügen. Die Sprache ist eben frei! Der Duden gibt bloß Tipps und hat vom Staat keine Ordnungsrechte verliehen bekommen oder ähnliches.

In Deutschland hat es nie eine staatliche Behörde zur Verwaltung und Kontrolle der deutschen Sprache gegeben. Auch kein Sprachgesetz. Allerdings wäre es 1913 fast einmal so weit gekommen. In einem kleinen Teil ihres Buches „Gegenwartsdeutsch“ haben die beiden Germanisten Helmut Glück und Wolfgang Werner Sauer sich vor vielen Jahren einmal der Sprachverwaltung des Deutschen angenommen. Damals habe ein Reichssprachamt eingerichtet werden sollen, „das die Sprache durch Verordnungen hätte pflegen und durch Bußgelder vor den Sprechern schützen sollen.“ Zu einer parlamentarischen Beschlussfassung sei es aber nie gekommen. Irgendwo zwischen belustigend und gruselig stellen sich die Germanisten diese Sprachpolizei vor – „ausgestattet mit einem Block Strafzettel für falsches Sprechen“.

Aber was hätte das eigentlich konkret bedeutet? Einige aus dieser Zeit erhaltene Dokumente geben einen Einblick in die Gedankenwelt derer, die das Reichssprachamt seinerzeit wollten. Etwa Heinrich Claß, militanter Rechtsaußen und Demokratiefeind:

„Unser gesamtes Leben soll deutschen Anstrich tragen; deshalb sorge ein Reichssprachamt, wie es der Alldeutsche Verband auf den Vorschlag von Geheimrat Dr. Trautmann längst empfohlen hat, für die Reinigung und Reinhaltung unserer Sprache – wir sehen es jetzt, wie im geschäftlichen Leben das Unwesen fremdsprachiger Bezeichnungen als unwürdig empfunden und bekämpft wird; es muss von Reichs wegen dafür gesorgt werden, dass dies anhält und weiter ausgeführt wird.“ Im gleichen Text fordert Claß übrigens auch, dass „kein Farbiger sich mehr auf deutschem Boden zeigen“ solle.

Einer seiner Geistesbrüder, ein gewisser Dr. Karl Schneider, kommt in einem Aufsatz mit dem Titel „Brauchen wir ein Reichssprachamt?“ zu der Erkenntnis: „Der viel erhobene Einwand, daß eine Regelung der deutschen Sprache deshalb unmöglich sei, weil in der Sprache die Freiheit herrsche, muss nach dieser Überlegung als abgetan gelten.“

Konkret wünschte sich Schneider, dass endlich mehr Ordnung in die verworrene deutsche Sprache komme. Ein Beispiel: das Geschlecht der Wörter. Wie unordentlich das sei im Deutschen! Die Erkenntnis, das Bekenntnis – fortan sollten alle Wörter, die auf -nis enden, weiblich sein. Umgekehrt sollte die Behörde festlegen, dass alle Wörter, die auf -tum enden, sächlich zu sein haben: Irrtum, Reichtum, Wachstum, Christentum. Komischerweise fiel ihm hier nicht das Wort Deutschtum ein.

Immerhin: Selbst Schneider & Co. wollten die Sprachaufsicht ausschließlich auf Behörden angewendet wissen. Der Privatmann hätte weiter reden und schreiben können, wie es ihm gefällt. Jedenfalls nach den damals veröffentlichten Entwürfen. Erich Ohser, Carl von Ossietzky oder Kurt Tucholsky würden nicht geglaubt haben, dass diese Freiheit lange bestanden hätte.

Spätestens nach der Rechtschreibreform 1998 darf aber wohl der Gedanke, dass eine gelenkte Regelung der deutschen Sprache besser gelingt als ihre freie Entwicklung, schon aus ganz praktischer Erfahrung als abgetan gelten. ☺

Lieber in Kanzlerämtern als in Fußballfeldern rechnen?

MurxOriginell ist anders. Aber es gibt gute Gründe, warum die Presse immerzu Fußballfelder und Bundesländer für Größenvergleiche heranzieht und keine exotischen Äquivalente.

Was helfen Zahlen, wenn man sie nicht einordnen kann? Wenig!

Wenn irgendwo eine halbe Million Quadratkilometer überschwemmt wird, was sagt Ihnen das? Ja, zugegeben, das klingt nach viel. Aber noch hilfreicher ist der Zusatz: „Das entspricht ungefähr der Fläche Spaniens.“ Dann nämlich hat man erst eine Vorstellung davon, wie viel Land hier überschwemmt wurde.

Journalist*innen nehmen dafür, Sie ahnen es bereits, am liebsten Fußballfelder. Und wenn die nicht mehr reichen, dann nehmen sie Bundesländer, am liebsten das Saarland mit seinen etwas über 2.500 Quadratkilometern. Ob das sinnvoll ist, hängt davon ab, was man vergleichen möchte. Die Tagesschau beispielsweise verglich die Fläche des Moorbrands im Emsland mit 1.100 Fußballfeldern (am Ende wären es sogar 1.400 gewesen, bei 1.000 Hektar). Das war aber keine gute Idee, denn 1.100 Fußballfelder kann sich natürlich niemand vorstellen.

Nun wenden Kritiker immer wieder ein, dass sich ja nicht jeder mit Fußball auskennt. Aber darum geht’s auch nicht: Jeder weiß ungefähr, wie groß so ein Feld ist, auf ein paar Meter gemäß FIFA- oder UEFA-Norm kommt’s ja gar nicht an. Worauf es ankommt: Jeder hat schon mal diese grünen Plätze gesehen, auf denen Fußballer*innen nun mal herumlaufen. Und deshalb hat man eine ungefähre Vorstellung, wenn einem jemand sagt: Deren neues Hauptquartier ist etwa so groß wie drei Fußballfelder. Meist reicht so eine ungefähre Angabe ja völlig aus, um dem anderen ein passables Bild vor Augen zu führen.

Der zweite Vorwurf, der Fußballfeld-Vergleichen regelmäßig gemacht wird, ist mangelnde Originalität. Das stimmt einerseits, man könnte durchaus mal andere Vergleiche wählen, wie sie zum Beispiel die Kollegen von Magaziniker vorschlagen. Andererseits ist es hier ja gerade von Vorteil, wenn man nichts Exotisches anführt. 19.000 Quadratmeter in die Grundfläche des Kanzleramts umzurechnen, wie die Kollegen nahelegen, ist Quatsch: Es kann sich doch außer in Angela Merkels Behörde selbst niemand vorstellen, wie groß da die Grundfläche ist. Und auch die 0,001 Quadratmeter, die eine Briefmarke groß ist, helfen keinem weiter.

Kurzum: Man ist erstens gut beraten, wenn man unvorstellbare Zahlen durch Vergleiche vorstellbar macht. Und man sollte zweitens immer Größen zum Vergleich heranziehen, die sich eignen und die jeder kennt – auch wenn man dafür keinen Originalitätspreis gewinnt.

Wer mit Fußballfeldern und Bundesländern rechnen mag, dem empfehlen wir die Maschine unter Rechneronline.de.

Und für die, die gern selbst rechnen, hier ein paar Zahlen, von denen wir glauben, dass sie die meistbenötigten sind: 

Veranschaulichung von Flächen:
7.140 Quadratmeter = 1 Fußballfeld
2.569 Quadratkilometer = Größe des Saarlands
357.386 Quadratkilometer = Größe Deutschlands

Veranschaulichung von Distanzen:
470 Kilometer = Köln–Berlin (Luftlinie)
6.000 Kilometer = Berlin–New York (Luftlinie)
384.400 Kilometer = Erde–Mond

Veranschaulichung von Gewicht:
1.400 Kilogramm = 1 Auto
6.000 Kilogramm = 1 Elefant

Veranschaulichung von Volumen:
150 Liter = 1 Badewanne
650.000 Liter = 25-Meter-Becken

Veranschaulichung von CO2-Ausstoß:
170 Kilogramm CO2 = Flug von Köln nach Berlin
10.000 Kilogramm CO2 = jährlicher Pro-Kopf-Ausstoß in Deutschland

Veranschaulichung von Geldbeträgen*:
360 Milliarden Euro = Bundeshaushalt
6.180 Euro = Mindestausbildungsvergütung
210 Euro = Rundfunkbeitrag pro Jahr

* Zahlen für 2020

Ach ja: Und dann muss man natürlich auch noch ein bisschen rechnen können. Dass Mathe allerdings nicht unbedingt das Lieblingsfach von uns Schreiberlingen ist, war mal ganz nett in der Berliner Morgenpost belegt.

Stefan Brunn

 

In 1732 war es auch nicht besser!

MurxSeit über 100 Jahren wettern Stilkritiker dagegen, Jahreszahlen die Präposition „in“ voranzustellen. Das sei ein nutzloser Anglizismus. Doppelt falsch: Weder ist „in 2020“ ein Anglizismus noch ist diese Schreibweise komplett nutzlos.

Von Stefan Brunn

Schon 1870 schrieb der berühmte Sprachpfleger Gustav Wustmann in dem Buch „Allerhand Sprachdummheiten“ von einer „willkürlichen Nachäfferei des Französischen und des Englischen“. Das war ein Irrtum, wie man heute weiß. Wie das Institut für Deutsche Sprache nachweist, wurde die Präposition „in“ vor einer Jahreszahl schon 1732 benutzt. Spätestens. Ein Englisch-Professor der FU Berlin weist auch in den folgenden Jahrhunderten viele weitere Verwendungen nach. Von einem Anglizismus kann also nun wirklich keine Rede sein. Vermutlich könne man eher von einem Latinismus ausgehen, meint der Experte.

Unnötig beziehungsweise überflüssig ist die Fügung aus „in“ und Jahreszahl auch nicht. Im Gegenteil: Es gibt drei recht ordentliche Argumente, sich diese Option vorzubehalten.

1. Diese Art der Formulierung trennt Zeitpunkt und Zeitraum eindeutiger.

Zu einem Zeitpunkt oder in einem Zeitraum dieses Jahres?
Bernard Dietz gewann 1980 die Europameisterschaft als Kapitän.

Im Zeitraum dieses Jahres:
Dominik Schmidt spielte in 2012 in den drei höchsten Spielklassen Deutschlands und der Champions League.

2. Eindeutig wären im obigen Bernard-Dietz-Satz ja auch die Formulierungen „Im Jahr“ oder „im Jahre“. Diese Formulierungen sind aber nicht nur veraltend, sie sind vor allem auch länger. Überall da, wo es auf kurze Texte ankommt, ist „in“ plus Jahreszahl vorteilhaft. Genau deshalb ist es im Wirtschaftsbereich so beliebt.

3. In manchen Fällen trennt das „in“ auch zwei Ziffern und sorgt damit für mehr Übersicht:

Unübersichtlich ohne „in“:
Die Zahl der Obdachlosen stieg von 5774 2018 auf 6288 2019.

Übersichtlicher mit „in“:
Die Zahl der Obdachlosen stieg von 5774 in 2018 auf 6288 in 2019.

In solchen Fällen empfiehlt sogar die Duden-Redaktion die Verwendung des „in“ vor der Jahreszahl – obwohl sie diese Kombination sonst (noch) nicht als standardsprachlich anerkennt.

In ihrer zahlenmäßigen Dominanz ist die bloße Jahreszahl auch nicht gefährdet, wie das Institut für Deutsche Sprache belegt. Man muss sie also nicht schützen wie Spitzmaulnashörner.


Unterm Strich empfiehlt der Zeilenhacker:

Meist reicht die bloße Jahreszahl, dann verzichtet man frohgemut auf das „in“ und tut keinem weh. Aber wenn Ihnen manchmal deucht, ein „in“ vor der Jahreszahl wäre in diesem Fall doch nicht schlecht: Tun Sie’s ohne schlechtes Gewissen und hören Sie nicht auf angebliche Sprachschützer!

Zwei tote Zimmer auf einen Streich

MurxEs ist immer wieder peinlich, wenn man jemanden beerdigt, der noch lebt. In der Pressegeschichte ist das aber schon unzählige Male passiert. Der FOCUS hat jetzt das Kunststück fertiggebracht, gleich zwei Männer auf einmal zu verabschieden.

Vor fast 20 Jahren berichtete der Focus einmal unter der Headline „Totgesagte leben länger“ über verfrühte Nachrufe. Viele dieser peinlichen Fälle listete man damals auf: Konrad Adenauer, Ingrid Bergman, Queen Elizabeth, Heinrich Heine, Papst Johannes XXIII., Paul McCartney. Und natürlich zitiert der Focus amüsiert, wie manche der Totgeschriebenen ihre eigenen Nachrufe kommentierten: „Ich inhalierte sie wie Schmuggelware. Die meisten von ihnen hätte ich selber nicht halb so gut schreiben können“, soll Ernest Hemingway gesagt haben. Und Mark Twain notierte feinsinnig: „Die Gerüchte über meinen Tod sind stark übertrieben.“ Als er allerdings darum bat, man möge den Fehler rasch widerrufen, habe der Zeitungsmann das abgelehnt: „Was gedruckt ist, ist gedruckt. Wir nehmen nie etwas zurück. Alles, was wir tun können, ist, eine neue Geburtsanzeige von Ihnen einzusetzen. Preis: 1 Dollar.“

Sehr schöne Geschichten hatte Focus-Redakteur Axel Wolfsgruber damals für das Feature gesammelt. Heute könnte er eine Anekdote hinzufügen: Sein eigenes Blatt nämlich hat es gerade (in Ausgabe 28) geschafft, gleich zwei Männer auf einmal zu verabschieden: den einen im Bild, den anderen im Text.

Wirklich gestorben ist Dieter E. Zimmer, ein echter Kenner der deutschen Sprache und der Literatur, dessen Bücher wir jedem Zeilenhacker-Leser nur wärmstens empfehlen können – besonders „So kommt der Mensch zur Sprache: Über Spracherwerb, Sprachentstehung, Sprache & Denken.“ Dieter E. Zimmer war im Hauptberuf jahrzehntelang Kulturredakteur der ZEIT. Dieter Eduard Zimmer starb am 19. Juni mit 85 Jahren in Berlin.

Dieter Zimmer allerdings, dessen Foto der Focus beim Nachruf versehentlich dazustellte, lebt noch. Dieter Zimmer ist ebenfalls Journalist, allerdings eher bekannt durchs Fernsehen, durch Reportagen und auch als Moderator des ZDF zwischen 1972 und 2002. Nach seinem Weggang vom ZDF schrieb Zimmer ebenfalls noch zahlreiche Bücher – die Verwechslung der Redaktion ist also peinlich, aber auch ein bisschen erklärlich.

Stefan Brunn

Komma hinterm Zitat? Das ist hier die Frage!

Aluhut„Sei kein Frosch!“ sagte die Ente zur Scholle auf dem Fünf-Meter-Brett. Tja, kommt da jetzt ein Komma hinters Zitat? Und wenn, wohin genau? Wir erklären die Regeln ganz einfach anhand von Beispielen.

Von Stefan Brunn

Drei Fälle gibt’s, die wir unterscheiden müssen:

a. Der Begleitsatz geht voran, dann folgt das Zitat bzw. die wörtliche Rede:

Die Ente sagte: „Sei kein Frosch!“

Hier steht das Satzschlusszeichen innerhalb der Anführungszeichen. Dabei ist es egal, ob es ein Punkt, Fragezeichen oder Ausrufezeichen ist. Ein Komma braucht’s hier gar nicht.

b. Anders ist’s, wenn das Zitat unterbrochen oder der Begleitsatz nachgeschoben wird, dann bedarf es eines oder mehrerer Kommata. Also:

„Sei kein Frosch!“, sagte die Ente.

Hier trennt man den Begleitsatz vorne und ggf. auch hinten mit einem Komma ab.

„Sei kein Frosch“, sagte die Ente, „daran wirst Du nicht sterben!“

Wichtiger Zusatz: Innerhalb der wörtlichen Rede steht kein Punkt, wenn der Begleitsatz nachgeschoben oder der Begleitsatz unterbrochen wird. Aber: Die anderen Satzschlusszeichen (Fragezeichen und Ausrufezeichen) stehen trotzdem! Also:

      „Sei kein Frosch!“, sagte die Ente.

Oder:

     „Mann oder Maus?“, fragte die Ente.

c. Am heikelsten ist der dritte Fall, der allerdings viel seltener auftritt. Und zwar geht es um integrierte Zitate, die eben keine Nebensätze sind, sondern Bestandteil des Hauptsatzes:

Dein dummes „Sei kein Frosch!“ kannst Du Dir sparen!

Hier folgt auf das Zitat zwar wie in a) der Hauptsatz, dieser wird aber nicht mit einem Komma abgetrennt. Das ist ganz schön nah dran an einer anderen Formulierung, bei der man das Komma setzen muss, nämlich:

Die Ente sagte „Sei kein Frosch!“, und die Antwort der Scholle war: „Da bin ich aber platt!“


Um letztlich auch noch die Frage vom Anfang zu klären: Ja, hier hätte ein Komma stehen müssen:

     „Sei kein Frosch!“, sagte die Ente zur Scholle auf dem Fünf-Meter-Brett.

Der Grund: Es handelt sich nicht um eine integrierte wörtliche Rede. Anders bzw. auch ohne Komma richtig sähe es nur so aus:

    Die Ente sagte „Sei kein Frosch!“ zur Scholle.

Wie der Duden die Wörter aufbläst …

AluhutDie 28. Auflage des Duden wirbt mit 3.000 neuen Wörtern. Diese erstaunlich hohe Zahl übernahmen am Erscheinungstag die meisten Medien aus der Pressemitteilung in ihre Berichte. Dabei beruht die Zahl auf einem Taschenspieler-Trick.

Von Stefan Brunn

„Der neue Duden – 3.000 Wörter stärker“ oder „Der neue Duden – dick wie noch nie“ oder „Der neue Duden ist schwer von Begriffen“ oder „1296 Seiten, die zeigen: Sprache lebt“: In den Nachrichten kommt die 28. Auflage des Duden rüber, als hätte sich enorm viel getan in den letzten drei Jahren. Auf dem Cover und in der Werbung spielen die 3.000 neuen Begriffe die Hauptrolle, genau wie in den Meldungen der meisten Medien. Sie gehen aber einem uralten Trick auf den Leim.

Schon vor 30 Jahren warb der Duden so:

„Der neue Duden ist da! Mehr als 3.000 Wörter neu. Rund 110.000 Stichwörter.“

Heute sind es 148.000 Stichwörter (zum Vergleich: Konrad Dudens Ur-Duden enthielt nur 27.000 Einträge). Der Verdacht liegt nahe, dass diese Steigerung weniger an unserem immens wachsenden Wortschatz liegt als vielmehr an einer bestimmten Strategie des Duden-Verlags: nämlich immer mehr Komposita hinzuzufügen. Katzenvideo, Schummelsoftware, Intensivbett, Geisterspiel – alles neue Wörter im Duden. Dabei handelt es sich im Grunde nur um Zusammensetzungen alter Wörter.

„Wie sonst sollte man denn Intensivbett oder Geisterspiel anders schreiben?“, zitiert die Deutsche Presse-Agentur den Bonner Germanistik-Professor Kristian Berg. Er argwöhnt wie viele seiner Kollegen, dass der ursprüngliche Zweck (nämlich die Rechtschreibung zu klären) dem Verkaufsargument geopfert wurde.

Dass man neue Wörter durch Komposition alter Wörter endlos weitererzeugen kann, ist unter Germanisten ein alter Hut, und zwar nicht nur bei Substantiven – man denke zum Beispiel an unterschiedliche Vorsilben bei Verben. Schon zur Wendezeit, als der Leipziger Duden weitaus weniger Wörter produzierte als der Mannheimer, ereiferten sich die Professoren Helmut Glück und Wolfgang Werner Sauer in ihrem Buch „Gegenwartsdeutsch“ über diese Strategie: „Irgendwelche Komposita beliebig zum Füllen der Wörterverzeichnisse aneinanderzureihen“ kam ihnen schräg vor. Diese Art, ein Wörterbuch zu füllen, bringe dem Benutzer wenig, dem Verleger viel, kritisierten Glück und Sauer: Der Verlag könne nämlich „jederzeit die Notwendigkeit einer Neuauflage mit Mengenangaben begründen.“

Außerdem bemängelten sie, dass der Duden auf diese Weise eine einheitliche Linie verspiele: „Warum steht der Jagdhund im Duden, nicht aber der Jagdfalke, warum die Jagdgenossenschaft, nicht die Jagdgesellschaft? Warum fehlen rechtliche Begriffe wie Jagderlaubnis, Jagdverbot, Jagdgesetz, Jagdrecht, Jagdschutz, wo doch Jagdschein und Jagdzeit vermerkt sind, warum ist Jagdzeit ein bedeutsameres Wort als Jagdzeitschrift?“

Duden-Redaktionsleiterin Kathrin Kunzel-Razum erklärt die Auswahl so: „Wir haben bewusst Wörter ausgewählt, von denen wir überzeugt sind, dass sie länger Bestand haben werden.“ Rein statistisch scheint das zu klappen: Die Redaktion hat für die 28. Auflage zehnmal weniger Wörter ausgemustert als neu aufgenommen, nämlich 300. Gestrichen wurde übrigens der „Jägersmann“. Der „Jägermeister“ und die „Jägermeisterin“ dagegen haben überlebt.

Den Aluhut hat immer der andere auf!

Aluhut„Aluhut“ ist die beliebteste neue Beleidigung. Die Verwendungskurve des Wortes in der ersten Jahreshälfte sieht aus wie ein Stalagmit. Dabei ist der Begriff alles andere als fair oder weitblickend.

Von Stefan Brunn

Aluhut-Träger oder kurz „Aluhüte“ sind angeblich Leute, die an Verschwörungstheorien glauben. Den Begriff hat wohl eine Kurzgeschichte von 1927 hervorgebracht, in der jemand glaubt, eine Kappe aus Metallfolie könne telepathische Einflüsse auf das Gehirn blockieren.

Inzwischen wird der Begriff massenweise gebraucht, um die Ideen anderer als verschwörungstheoretisch zu diskreditieren. Sie wissen schon: Bill Gates hat Corona erschaffen, um die Welt zu regieren. Angela Merkel ist Hitlers Tochter. Bayern München hat die Schiedsrichter gekauft. Die Polizei hat die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Julian Assange nur erfunden. Volkswagen hat Abgaswerte manipuliert. Der Spiegel hat seine geilsten Reportagen komplett erfunden …

Aluhut-Träger sind genau so lange Aluhut-Träger, bis sich ihre Annahmen über die Wirklichkeit als wahrscheinlicher herausstellen als andere. Galileo Galilei war auch ein Aluhut, als er mit der komischen Idee um die Ecke bog, die Erde drehe sich um die Sonne! Bis vor einem Jahr wären alle in Deutschland, die mit Mundschutz in einen Supermarkt gegangen wären, als Aluhüte angesehen worden. Der Reporter, der seinem Kollegen Claas Relotius seine Storys madig machte, galt erst mal als neidisches Kollegenschwein. Forscher, die heute schon/noch vor hormonähnlichen Substanzen im Wasser warnen: Aluhüte! Eltern, die den übermäßigen Konsum von Computerspielen für schädlich halten: Aluhüte! Polizisten, die raten, jedes Fenster einbruchsicher zu machen: Aluhüte!

Kurzum: Es ist nicht sehr weitblickend und fair, den Begriff so auszudehnen, wie es derzeit gemacht wird. Auch deshalb nicht, weil es Ängste nicht ernst nimmt, sondern sich über sie lustig macht. Die einen stecken Aluhüte und Hakenkreuze in eine Schublade, weil sie die AfD fürchten. Die anderen machen sich über Leute lustig, die Angst vor Mobilfunkstrahlung haben. Viel besser wäre es, jeweils einzelne Punkte sauber auszudiskutieren. Aber natürlich ist das auch weniger lustig und viel anstrengender, als einfach „Aluhut“ zu rufen.

Eine Zeitlang war es auch sehr angesagt, alle peniblen Mülltrenner als „Gutmenschen“ zu diskreditieren. Aber was war noch mal schlecht daran, Gutes zu tun?

Immerhin: Eine gute Sache an der Corona-Zeit ist, dass mehr hinterfragt wird, mehr gezweifelt. Das muss in jede Richtung erlaubt sein, genau das ist die positive Kraft der Meinungsfreiheit. Ein kluger Kopf hat einmal gesagt: „Der Zweifel ist der Schmuck des Intellektuellen.“ Diesen Schmuck darf übrigens jeder tragen.

Aluhut-Stalagmit bei Google-Suchanfragen

Vorrübergehend, aber nicht herrausfordernd

Stellen Sie sich vor, das innovative Werk eines international renommierten Schriftstellers würde aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt und im Klappentext wäre ein Rechtschreibfehler: vorrübergehend mit Doppel-r. Kann ja mal passieren! Aber dass der Fehler in der dritten Auflage elf Jahre später immer noch dort steht?

Von Stefan Brunn

Cover des Buches Shenzhen von Guy DelisleDer Berliner Verlag Reprodukt macht wundervolle Bücher. Dazu gehören die Comic-Reportagen des Kanadiers Guy Delisle, den eine breite Öffentlichkeit eher durch seine Bestseller „Ratgeber für schlechte Väter“ kennt. Künstlerisch interessanter sind allerdings seine Reportagen, denn darin gelingt Delisle etwas Einzigartiges: Er stellt uns in Bildern sehr lustig und kurzweilig fremde Länder reportagehaft vor. Eine dieser Reportagen galt Nordkorea, eine China, eine Birma, eine Israel. Delisle gehört zu den ganz wenigen international bekannten Künstlern in der jungen Gattung der Comic-Reportagen.

In Frankreich ist Delisle, der aus dem französischsprachigen Teil Kanadas stammt und in Südfrankreich lebt, sehr viel bekannter als bei uns. In Deutschland kennt ihn die Kulturszene aber inzwischen auch, spätestens seit seine ironischen Erziehungsberater im Kassenbereich des Buchhandels liegen.

Seine aktuelle Prominenz hat aber offenbar nicht verhindern können, dass jemand beim Reprodukt-Verlag einen extrem lieblosen und fehlerhaften Klappentext geschrieben hat und dieser noch in der dritten Auflage nicht ausgemerzt wurde.

Rückumschlag des Buches Shenzhen von Guy Delisle
Dass hier eine Floskel an die andere gereiht wird – geschenkt. Dass hier einmal ein Adjektiv im falschen Fall steht („ausufernde Millionenstadt“) – geschenkt. Aber „vorrübergehend mit Doppel-r“ zu schreiben – das darf in der Grundschule passieren, aber nicht in der dritten Auflage eines literarischen Pioniers.

Der Fehler wird leider auch von Erwachsenen oft gemacht. Die Leute denken: Vorsilbe „vor“ plus Verb „rübergehen“ gleich „vorrübergehen“. Man sagt ja auch „hinnehmen“ und nicht „hinehmen“. Häufiger noch kommt dieser Fehler bei „Vorrausetzung“ vor.

Nach dieser etwas naiven Logik müsste es am Ende des Klappentextes dann aber auch „Herrausforderungen“ heißen.

E-Mail-Korrektur: 5 Dinge, die man nicht vergessen sollte

Namen falsch geschrieben oder Termin vertauscht? Das kann verheerende Wirkung haben, weshalb man die Fehler möglichst rasch korrigieren sollte. Leider begehen viele dabei gleich den nächsten Fehler oder sogar zwei …

1. Wichtigste Maßnahme: die ausgebesserten Dinge möglichst schnell nachliefern und dabei keine erneuten Fehler begehen.
Es ist sehr peinlich, wenn man der ersten Korrektur noch eine zweite nachschieben muss. Also am besten rasch reagieren, aber eben nicht, ohne noch einmal sorgfältig (am besten zu zweit) die korrigierte Information durchzusehen.

2. Um Entschuldigung bitten, aber keine großen Worte dafür verlieren.
Vielleicht haben Sie der Gegenseite unnötige Arbeit verursacht oder sogar Unannehmlichkeiten bereitet. Also drücken Sie ganz kurz und aufrichtig ihr Bedauern aus. Zwei Fehler werden dabei sehr oft gemacht: Erstens können Sie sich, formal gesehen, nicht selbst entschuldigen. Sondern Sie müssen darum bitten, dass man Ihnen Ihren Fehler verzeiht. Zweitens sollten Sie Ihren Fehler, wenn überhaupt, nur ganz kurz erklären. Eine ausufernde oder unglaubwürdige Erläuterung macht die Sache nur noch schlimmer.

3. Erläutern Sie kurz, was genau falsch war.
Angenommen, jemand hat bereits mit Ihren Informationen gearbeitet: Er wird sich natürlich fragen, ob er jetzt ganz von vorn anfangen muss, der Fehler könnte ja überall stecken. Deshalb teilen Sie in Ihrer Mail mit, dass Sie zum Beispiel den ersten Absatz Ihres Textes geändert haben, weil dort noch ein Name falsch geschrieben war oder ähnliches. Falls Sie mehrere oder viele Dinge korrigieren mussten, teilen Sie auch das mit – es hilft ja nichts. Besser mehr Arbeit bei Ihren Partnern als später die Wut über übersehene Fehler!

4. Liefern Sie alle in der betreffenden E-Mail gelieferten Anhänge erneut mit.
Sehr wichtig: Liefern Sie nicht nur eines von mehreren Dokumenten neu aus, sondern unbedingt alle, die gleichzeitig damit verbreitet wurden. Andernfalls riskieren Sie ein Durcheinander bei Ihren Partnern: Wenn die nämlich später trotzdem auf die erste Mail mit dem fehlerhaften Dokument zurückgreifen, ist ihr Fauxpas doch wieder im Geschäft. Deshalb bedarf es auch unbedingt Punkt 5:

5. Bitten Sie um Vernichtung der gesamten fehlerhaften E-Mail.
Stellen Sie sich vor, mehrere Leute greifen auf ein Postfach zu oder jemand ist ein bisschen vergesslich: So lange Ihr Fehler irgendwo liegt, kann er Unheil anrichten. Nur dann, wenn die ganze E-Mail vernichtet worden ist, haben Sie diese Gefahr eliminiert. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Sie den kompletten Inhalt schon neu ausgeliefert haben (Punkt 4).

Wir haben natürlich selbst schon etliche E-Mails mit Fehlern verbreitet.
Daher wissen wir: Nur wenn wir an diese 5 Dinge denken, können wir nach Korrekturen ruhig schlafen …