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Wer entscheidet über die Regeln unserer Sprache?

„Wandalismus“ durfte man lange mit W schreiben. Dann erklärte ein Gremium von 41 Ehrenamtlichen aus 7 deutschsprachigen Ländern diese Schreibweise für falsch. Wer sind eigentlich diese Leute vom Rechtschreibrat und wie kommen sie an ihre Position?

Von Katrin Liffers

Wer gibt dem Rat die Macht?
Die Vollmacht stammt von sechs Staaten und Regionen, die den Rat 2004 einrichteten: Deutschland, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein, Südtirol und die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens. Der Rat soll die Einheitlichkeit der Rechtschreibung bewahren und das Regelwerk pflegen. Gesetze macht er nicht. Er schlägt Anpassungen der Regeln an unseren aktuellen Sprachgebrauch vor.

Worüber genau wird entschieden?
Meist geht es um Feinheiten. 2017 ließ der Rat zum Beispiel das große ẞ neben ss zu. Im selben Zuge erlaubte er bei festen Fügungen Groß- und Kleinschreibung, etwa „goldene Hochzeit“ und „Goldene Hochzeit“. Und im Wörterverzeichnis räumte er unter den eingedeutschten Fremdwörtern auf: „Komplice“ und „Frotté“ etwa fielen dabei weg.

Wie viele Fachleute entsendet jedes Land?
Deutschland stellt 18 Mitglieder, Österreich und die Schweiz je 9, Liechtenstein, Südtirol und die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens je eines. Luxemburg ist mit einem nur beratenden Mitglied vertreten. Von den 41 Mitgliedern sind also 40 stimmberechtigt.

Wer schickt diese Leute dorthin?
Die Sitze gehören Einrichtungen. Für Deutschland entsenden unter anderem das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, die Dudenredaktion, die Gesellschaft für deutsche Sprache, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Journalistenverbände und das PEN-Zentrum ihre Vertreter. Mit Froben Homburger (Nachrichtenchef der dpa) ist auch ein Vertreter der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen Teil des Rats. Österreich und die Schweiz besetzen ihre Plätze nach Bereichen wie Schule, Didaktik, Wörterbuch, Verlage und Autorenschaft.

Was bekommen die Mitglieder dafür?
Kein Honorar. Die Arbeit im Rat ist ein Ehrenamt, für die Kosten kommen die entsendenden Staaten auf. Getagt wird mindestens zweimal im Jahr, in der Regel am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, wo auch die Geschäftsstelle des Rats sitzt. Die Sitzungen sind nicht öffentlich. Gelegentlich reist das Gremium, etwa nach Eupen, Mainz oder Brixen.

Wie lange bleibt man im Rat?
Eine Amtsperiode dauert sechs Jahre, eine erneute Berufung ist möglich. Die laufende vierte Periode reicht von 2024 bis 2029. Da der Sitz der Einrichtung gehört und nicht der Person, bleibt er beim vorzeitigen Ausscheiden eines Mitglieds nicht leer: Die entsendende Institution benennt jemand anderen.

Wie wird aus einem Vorschlag eine Regel?
Im Plenum genügt eine Zweidrittelmehrheit, abweichende Positionen kommen als schriftliches Sondervotum dazu. Danach müssen die staatlichen Stellen aller beteiligten Länder zustimmen, in Deutschland die Kultusministerkonferenz. Erst dann veröffentlicht die Geschäftsstelle die neue Fassung des Amtlichen Regelwerks, verbindlich für Schulen und Behörden. Die Wörterbuchverlage legen sie danach aus und bringen sie unter die Leute. Nachzulesen ist alles beim Rat für deutsche Rechtschreibung.

 


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Der Textometer wird immer besser

Wie verständlich ist mein Text, ganz objektiv? Das misst unser kostenloser und einfach bedienbarer Textometer schon lange. Wir haben ihn jetzt aber noch mal verfeinert und gebrauchstauglicher gemacht. Unbedingt ausprobieren!

Von Hannah Molderings

Der Teaser dieses Textes ist „sehr einfach“ geschrieben. Das sage ich nicht nur so, sondern das kann ich mit www.textometer.de auch beweisen. Selbst bei kurzen Texten ist die Analyse halbwegs verlässlich. Längere, wirklich unverständlich geschriebene Texte identifiziert der Textometer hingegen sehr zuverlässig. Deshalb ist es uns rätselhaft, warum viele Leute offenbar keinerlei derartige Tools nutzen. Gucken Sie sich spaßeshalber mal diese Pressemitteilung des Max-Born-Instituts an:

Zum Tango braucht es zwei Kämme

https://www.openpr.de/news/1312846/Zum-Tango-braucht-es-zwei-Kaemme-idw.html

Der katastrophal komplizierte Pressetext wird vom Textometer zurecht als „sehr schwierig“ klassifiziert: Man würde 20 Schuljahre absolvieren müssen, um ihn zu verstehen. Wer solch ein schlechtes Resultat erzielt, sollte eines tun: So lang weiter daran arbeiten, bis er im grünen Bereich liegt!

Apropos grüner Bereich: Wir haben zuletzt einiges getan, um den Textometer noch weiter zu verbessern. Unter anderem zeigt jetzt immer ein Regler auf einer Skala an, wie verständlich der Text ist. Das macht Spaß, denn man sieht, wie man sich mit jeder Textverbesserung weiter vom roten in den grünen Bereich vorarbeitet. Und auch im Logo sieht man beim „o“, ob man schon im grünen oder noch im roten Bereich unterwegs ist. Das erleichtert künftig Führungskräften, Texte so lange nicht anzunehmen, wie das „o“ rot ist. 😉

Neben diesem neuen farblichen Feedback haben wir auch die Formel (BLIX) hinter dem Tool verbessert: Es hatte uns immer gestört, dass die Formel schon Wörter ab 15 Zeichen Länge abstraft (etwa „Bundesregierung“). Wir haben diese Grenze auf 20 Buchstaben heraufgesetzt und auch die Gewichtung innerhalb der einzelnen Bewertungsfaktoren verschoben, um noch treffendere Einordnungen zu erzielen.

Außerdem haben wir ein paar Kleinigkeiten an der Usability optimiert und eine ganz neue Funktion hinzugefügt: den Waschmaschinen-Knopf. Wenn man diesen drückt, beseitigt der Textometer automatisch alle doppelten Leerzeichen, wandelt typografisch falsche Anführungszeichen in typografisch korrekte um, macht aus einem falsch gesetzten Gedankenstrich einen richtigen und einiges mehr.

Das Beste zum Schluss: Der Textometer ist weiterhin komplett kostenlos und werbefrei, dazu bleiben alle Eingaben komplett in Ihrem Browser! Sie können das Tool sogar einschränkungsfrei herunterladen und lokal nutzen. Wir wollen damit kein Geld verdienen, sondern freuen uns, wenn er oft genutzt wird, um für bessere Texte zu sorgen!

 


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Muss Prof. gegendert werden?

In der Wissenschaft wird der Titel „Prof.“ inzwischen häufig als „Prof.in“ gegendert. Bei Promovierten heißt es dann auch „Dr.in“. In Österreich ist „Prof.in“ an den Unis und in deren Sprachregeln sogar der Regelfall geworden – ähnlich wie in deutschen Behörden die „RL’in“. Ist das korrekt?

Von Katrin Liffers

Es gibt hier zwei Lager, die sehr unterschiedliche Philosophien haben:

Sichtweise A:
Die Regeln unserer Sprache sind uns heilig, daran müssen sich alle halten!

Nach dieser Sichtweise ist „Prof.in“ schlicht falsch. Zum einen grammatikalisch: „Prof.“ ist ein sogenanntes Kopfwort, also eine Abkürzung, bei der der hintere Teil des ursprünglichen Wortes weggelassen wird. Dann folgt ein Punkt, der das Wort abschließt und alle denkbaren Endungen umfassen kann. „Prof.“ kann zum Beispiel für „Professors“, Professorinnen“ und auch „Professor:in“ stehen – ganz ohne zusätzliche Flexionsendung. Ähnlich wie „Fachkraft“ oder „Mitarbeitende“ ist die Abkürzung folglich per se genderneutral. Zum anderen ist „Prof.in“ auch orthografisch nicht korrekt: Der Rat für deutsche Rechtschreibung und der Duden sehen „Prof.in“ nicht vor. Die Schreibweise entspricht also auch nicht unseren Rechtschreibregeln.

Sichtweise B:
Regeln sind gestaltbar! Sprache wandelt sich und der aktuelle Sprachgebrauch der Menschen ist wichtiger als Normen.

Neben der vorschreibenden Sichtweise A gibt es eben auch eine andere Sichtweise, die für die dauernde Anpassung unserer Regeln an den Sprachgebrauch eintritt. Innovationen und Regelverletzungen sind hier nichts Schlechtes, sondern das natürliche Ergebnis von Sprachen in ihrem Gebrauch. Für diese Gruppe ist die Sicht- und Hörbarkeit (durch das zusätzliche Suffix „-in“) wichtiger als grammatikalische oder orthografische Regeln. In Österreich hat sich diese Sichtweise an vielen Unis durchgesetzt, in Deutschland (jedenfalls noch) nicht, obwohl man „Prof.in“ auch in der deutschen Presse immer mal wieder sieht (Beispiel). So ganz neu und einzigartig ist das Gendern nach einem Abkürzungszeichen übrigens nicht: In der Welt der deutschen Behörden haben sich ganz ähnliche Gender-Regeln auch für Funktionsbezeichnungen etabliert: ORR’in für Oberregierungsrätin oder RL’in für Referatsleiterin wird hier schon lange gesagt und geschrieben.

Unterm Strich stehen wir hier also vor einer durchaus grundlegenden sprachphilosophischen Frage: Ist mir Regeltreue wichtiger oder eine sicht-/hörbare sprachliche Repräsentation von Frauen? Das kann/muss jeder für sich selbst beantworten. Die Ausgangsfrage aber, nämlich ob „Prof.“ gegendert werden muss, lässt sich außerhalb bestimmter Unis klar verneinen.

 


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Defektive Adjektive: Baffer geht nicht!

Es gibt im Deutschen zehn Wortarten, von denen eine Untergruppe höchst aufsässig agiert: die defektiven Adjektive. Sie sind so etwas wie die Arbeitsverweigerer unter den Wörtern. Jede Kooperation wird abgelehnt, sie lassen sich nicht beugen und sind auch sonst sehr eigenwillig. Wir haben Baff & Co. einmal besucht und interviewt.

Von Stefan Brunn

Herr Baff, warum verweigern Sie sich der deutschen Flexion?

Baff: Warum soll ich das mit mir machen lassen? Ich bin ein lautmalerischer Volltreffer. Im 17. Jahrhundert war ich mal der Knall eines Gewehrschusses. Das ist wie bei „Peng“: Da braucht es auch kein bürokratisches Suffix am Ende.

Aber ein bisschen mehr Flexibilität im Alltag?

Baff: Nein, es gibt kein „baffer“ und es wird nie eines geben! Ich verliere mich nicht beim Komparativ-Schlussverkauf.

Und was spricht gegen eine attributive Verwendung? Warum darf ich nicht sagen: „Das war ein baffer Moment“?

Baff: Weil ich kein Handlanger für Substantive bin! Ich brauche Platz zum Atmen, bin das ultimative Single-Wort. Ich brauche niemanden außer meinem Prädikat.

Quitt: Amen, Bruder!

Frau Quitt, Sie teilen die Auffassung von Herrn Baff?

Quitt: Zu 100 Prozent! Wenn die Rechnung beglichen ist, heißt es: „Wir sind quitt.“ Punkt. Keine „quitten“ Schulden im Haushaltsausschuss, kein Ministerium ist „quitter“ als das andere. Wir Defektiven sind frei von Verpflichtungen – auch von grammatikalischen.

Das klingt nach einer sehr elitären Haltung. Das passt aber gar nicht zur Herkunft von einigen in Ihrer Runde. Herr Schofel, wie sehen Sie das?

Schofel: Wissen Sie, ich kam im 18. Jahrhundert über das Rotwelsche aus dem Jiddischen zu Ihnen, von schofal, was so viel wie „niedrig“ oder „wertlos“ bedeutet. Aber sprachlich habe ich verdammt viel Klasse und lasse mich nicht gegen meinen Willen flektieren!

Pleite: Man kann mit uns nicht umspringen wie mit den anderen Adjektiven!

Dabei wären vor allem die Wirtschaftsnachrichten sehr froh, wenn Sie, Herr Pleite, sich da ein bisschen flexibler zeigen würden …

Pleite: Pech! Sie werden niemals in der Tagesschau von einem „pleiten“ Unternehmen hören! Auch „pleiter“ kommt mir nicht in die Tüte. Wer kein Geld mehr hat, hat auch kein Geld mehr für überflüssige Endungen.

Und was sagen Sie den Sprachpflegern, die Ihre Unbeugsamkeit als Defekt bemängeln?

Baff: Dass sie die anderen Adjektive ruhig weiter durchdeklinieren können. Wir Defektiven bleiben die sprachlichen Freigänger.

Quitt: Genau. Wir pfeifen auf Deklination und machen unser eigenes Ding. Und wir werden immer mehr: Denken Sie mal an „gram“ oder „futsch“ oder „wurscht“. Denen ist jede Beugung latte …

Wow, Sie haben offenbar regen Zulauf. Vielen Dank für das Gespräch – und lassen Sie sich nicht verbiegen!

 


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Leicht ist nicht einfach

Texte in Einfacher oder Leichter Sprache zu schreiben, klingt erst einmal – nun ja – einfach. Ist es aber nicht. Gerade deshalb sind Übersetzungstools eine willkommene Unterstützung. Eines davon kommt von unerwarteter Seite, dem FC St. Pauli. Doch was liefert das Tool eigentlich: Leichte Sprache oder Einfache Sprache?

Von Katrin Liffers

Übersetzungstools für alle möglichen Sprachen sind längst Alltag. Seit ein paar Jahren gibt es auch KI-basierte Angebote, die Texte in verständlicheres Deutsch übertragen. Ein Beispiel hierfür ist www.einfachesprache.xyz vom FC St. Pauli, das Texte von „Alltagssprache“ in „Einfache Sprache“ übersetzt. Es ist ein Ergebnis des Inklusionsprojekts KLARTEXT St. Pauli und kann seit 2023 kostenlos online verwendet werden. Nach Angaben des Vereins basiert die Übersetzung auf einem speziell entwickelten Prompt. Dieser berücksichtigt Regeln der Leichten Sprache und wurde zusätzlich mit bereits übersetzten Texten des FC St. Pauli optimiert.

Ist Ihnen etwas aufgefallen? Warum beschreibt das Tool die übersetzten Texte als „Einfache Sprache“, wenn es doch mit den Regeln von Leichter Sprache arbeitet? Um die Frage zu beantworten, schauen wir uns einmal an, was überhaupt der Unterschied zwischen Einfacher und Leichter Sprache ist:

Leichte Sprache
Stellt man sich Verständlichkeit als Skala vor, reicht sie von „leicht verständlich“ bis „komplett unverständlich“. Die Leichte Sprache steht dabei ganz am verständlichen Ende – leichter geht es sprachlich kaum. Entwickelt wurde sie vor allem für Menschen mit Lernschwierigkeiten, geistigen Behinderungen oder geringen Deutschkenntnissen.

Die Regeln sind streng: Die Sätze sind sehr kurz und enthalten immer nur eine Aussage pro Satz. Fachbegriffe, Fremdwörter, Metaphern oder andere sprachliche Stolpersteine werden möglichst vermieden oder erklärt. Und auch optisch erkennt man Leichte Sprache schnell: Jeder Satz bekommt eine eigene Zeile, lange Wörter werden durch Bindestrich oder Mediopunkt aufgetrennt und häufig helfen Illustrationen oder Piktogramme dabei, den Inhalt besser zu verstehen. Und nicht nur die sprachliche Form wird stark vereinfacht. Auch der Inhalt wird auf das Wesentliche reduziert.

Die Regeln findet man in verschiedenen Regelwerken, sie sind auch in einer Deutschen Industrie-Norm festgehalten, der DIN SPEC 33429.

Einfache Sprache
Einfache Sprache liegt auf der Verständlichkeits-Skala zwischen Leichter Sprache und unserer Alltagssprache. Sie macht Texte leichter zugänglich, ohne sie so stark zu vereinfachen wie die Leichte Sprache. Sie richtet sich an alle Menschen, denen komplexe Texte Schwierigkeiten bereiten. Das kann an geringer Lesekompetenz liegen, an fehlendem Fachwissen oder daran, dass Deutsch nicht die Erstsprache ist.

Anders als die Leichte Sprache folgt sie keinem strengen Regelwerk. Die Sätze sind klar und übersichtlich, dürfen aber auch mal etwas länger sein und Nebensätze besitzen. Fachbegriffe und Co. können verwendet werden, wenn sie erklärt werden. Und ein ganz wichtiger Punkt: In Einfacher Sprache bleibt der Inhalt in der Regel vollständig erhalten. Vereinfacht wird vor allem die Form – nicht der Inhalt.

Und warum spricht der FC St. Pauli jetzt von „Einfacher Sprache“?
Leichte Sprache ist anspruchsvoll. Wer sie ernst nimmt, braucht nicht nur klare Regeln, sondern auch sorgfältige Prüfung – idealerweise durch Menschen aus der Zielgruppe. Genau hier wird es bei KI schwierig.

Ein KI-Tool kann Texte verständlicher machen. Es kann Sätze kürzen, Fremdwörter ersetzen und Strukturen glätten. Aber es kann nicht zuverlässig garantieren, dass ein Text alle Anforderungen der Leichten Sprache erfüllt. Dafür braucht es fachliche Kontrolle, Erfahrung und Prüfung. Deshalb ist „Einfache Sprache“ für KI-generierte Texte oft die ehrlichere Bezeichnung. Sie verspricht Verständlichkeit, ohne den Anspruch zu erheben, geprüfte Leichte Sprache zu sein.

 


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Diese Wörter haben zwei Gesichter

Wörter mit verschiedenen Bedeutungen gibt es viele. Spannend sind aber gerade die Wörter, deren Bedeutung genau entgegengesetzt sein kann. Von diesen sogenannten Januswörtern haben wir mal ein paar zusammengesucht.

Von Hannah Molderings

Was steckt hinter dem Begriff?
Der Begriff geht auf den römischen Gott der Türen und Übergänge zurück. Der Gott Janus wird häufig mit zwei Gesichtern dargestellt: Eines schaut vorwärts, eines rückwärts. Deshalb tragen auch Wörter, die in entgegengesetzte Richtungen zeigen, seinen Namen. In der Linguistik nennt man sie auch Autoantonym und Antagonym.

Wir haben mal eine Auswahl dieser kuriosen Begriffe zusammengestellt:

abdecken
Wer etwas abdeckt, legt etwas darüber, um es zu schützen. Oder aber er nimmt etwas weg, um es freizulegen. „Einen Pool abdecken“ und „ein Dach abdecken“ sind entgegengesetzte Handlungen.

anhalten
„Etwas hält an“ bedeutet: Es dauert fort. Gleichzeitig heißt es: Es kommt zum Stillstand. Das Wort beschreibt also Bewegung und deren Ende gleichzeitig.

aufheben
„Etwas aufheben“ kann heißen: es aufbewahren. Oder: es abschaffen. Ein Gericht könnte beispielsweise ein Urteil aufheben und es somit beseitigen. Andererseits könnte aber auch gemeint sein, dass jemand einen Zettel aufhebt und ihn verwahrt.

ausbauen
„Sie müssen das ausbauen.“ lässt zwei Lesarten zu: etwas vergrößern oder etwas herausnehmen. Nur der Kontext entscheidet hier, was gemeint ist: eine Wohnung oder eine Komponente eines Motors?

einstellen
„Eine Firma stellt ein.“ Das heißt: Sie nimmt jemanden auf. Wenn eine Firma allerdings den Betrieb einstellt, bedeutet das: Sie beendet ihn. Auch hier geht’s ganz schön auseinander!

erlassen
Wieder ein Begriff aus dem juristischen Kontext. „Ein Gesetz erlassen“ heißt: es einführen. „Eine Strafe erlassen“ heißt hingegen: auf sie verzichten.

grundsätzlich
Auch dieses Wort kann zwei entgegengesetzte Bedeutungen haben: „Das gilt grundsätzlich“ kann heißen: ausnahmslos. Es kann aber auch heißen: im Allgemeinen, mit Vorbehalt. Der Duden nennt sogar beide Lesarten gleichberechtigt.

sanktionieren
Dieses Wort meint sowohl bestrafen als auch billigen. „Die EU sanktioniert Russland“ ist genauso korrekt wie „Der Vorstand sanktioniert eine neue Richtlinie“. Je nach Kontext kann es also etwas ganz Unterschiedliches heißen.

umfahren
Je nach Betonung ist „umfahren“ entweder ein Ausweichmanöver oder ein Verkehrsdelikt. Wer „etwas umfährt“, weicht ihm aus. Wer „jemanden umfährt“, trifft ihn mit dem Fahrzeug.

Übrigens können auch Substantive Januswörter sein:

Bescherung
Das meint einerseits die große Bescherung an Weihnachten oder aber eine unangenehme Überraschung.

Untiefe
Dieser Begriff steht in der Nautik für gefährlich seichtes Wasser. Im allgemeinen Sprachgebrauch meint das Wort jedoch eine besonders große Tiefe.

Platzangst
Auch dieser Begriff kann zwei Bedeutungen haben: In der Psychologie meint er die Angst vor weiten, offenen Plätzen. Umgangssprachlich ist aber fast immer das Gegenteil gemeint: die Angst vor Enge. Das Wort hat seine klinische Bedeutung im Alltag vollständig umgekehrt.

Kleiner Fun Fact zum Schluss: Eines der Verkehrsdelikte mit der höchsten Strafe (738,50 Euro, 2 Punkte, 3 Monate Fahrverbot) lautet „Bahnschranke unerlaubt umfahren“. Wer ist denn so blöd und fährt gegen eine geschlossene Schranke?


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Wieso wird „Prosa“ oft falsch verwendet?

Viele, die das Wort „Prosa“ benutzen, denken dabei an Literatur, anspruchsvolle Texte oder hohe Kunstfertigkeit. Dabei bedeutet Prosa eher das Gegenteil von Poesie oder Dichtung und schließt Polizeiberichte genauso ein wie Romane. Woher kommt also die Verwechslung?

Von Hannah Molderings

Definition 1: Prosa als formaler Begriff

Prosa bedeutet zunächst ganz einfach: Sprache, die nicht in Versform gebunden ist. So steht es auch im Duden. Das Gegenteil von Prosa ist Lyrik: also Verse, Reime und alle Texte mit Rhythmus. Ein Sitzungsprotokoll ist also genauso Prosa wie eine Novelle von Kleist. Das Adjektiv „prosaisch“ bedeutet nüchtern, trocken oder alltäglich. Prosa ist also in erster Linie ein neutraler Formbegriff.

Definition 2: Prosa als literarischer Begriff

Daneben existiert eine zweite Bedeutung. Im Deutschunterricht lernt man drei literarische Gattungen: Lyrik, Epik, Dramatik. Die Epik, also Romane, Novellen, Erzählungen, ist fast immer in Prosa geschrieben. Deshalb wird „Prosa“ im Literaturkontext schnell zum Synonym für Erzählkunst. Wenn jemand also sagt: „Seine Prosa ist großartig“, meint er nicht: „Er schreibt ohne Reime.“ Sondern er findet Stil, Satzführung oder Rhythmus toll.

Und was raten wir Ihnen?

Es ist kein Fehler, „Prosa“ für literarische Texte zu verwenden. Der Fehler liegt eher darin, Prosa pauschal als Gegenteil von schlichter Sprache zu verstehen. Vermutlich hat die Schule den Begriff auf eine Gattung verengt. Im Ergebnis verstehen viele die Bedeutung des Begriffs falsch: Wer „Prosa“ zum Gütezeichen für Texte erhebt, sitzt gedanklich also noch ein bisschen in der Schule fest und hat den Pausengong nicht gehört. Naja, dieser Schluss war jetzt vielleicht nicht der poetischste.

 


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E-Mails: Wen rede ich zuerst an?

Wer eine Mail an mehrere Personen schreibt, steht oft vor der Frage: Wer kommt zuerst? Frauen vor Männern? Chef vor Kollegin? Oder einfach alphabetisch? Wir räumen die häufigsten Zweifelsfälle auf.

Von Hannah Molderings

Unser erster Gedanke: Die Regeln für Anreden in E-Mails sind doch bestimmt irgendwo klar geregelt. Im Protokoll Inland der Bundesregierung zum Beispiel. Das ist der offiziellen Ratgeber des Bundesinnenministeriums für Anschriften und Anreden. Wer zum Beispiel wissen will, wie man einen Botschafter oder eine Staatssekretärin korrekt anschreibt: Da steht es drin.

Unsere konkrete Frage wird hier aber leider nicht beantwortet. Im Protokoll Inland steht sogar wörtlich: „Für die Gestaltung der schriftlichen und mündlichen Anrede lassen sich keine festen Regeln aufstellen.“ Klar geregelt ist das Ganze also nicht, auch nicht in einer DIN oder im Knigge. Es gibt aber ein paar Konventionen, auf die man sich verständigen kann.

Wer wird zuerst genannt?

Wenn eine Hierarchie erkennbar ist: In diesem Fall spricht man die ranghöhere Person zuerst an, unabhängig vom Geschlecht.

Beispiel:
Sehr geehrter Herr Dr. Bergmann, sehr geehrte Frau Töller,

Wenn alle gleichrangig sind: Hier gilt Frauen vor Männern. Sind mehrere Frauen oder mehrere Männer dabei, sollte man die Nachnamen alphabetisch sortieren. Dieser Kniff hilft auch dann, wenn man die Hierarchie der Personen nicht kennt.

Beispiel:
Sehr geehrte Frau Cruz, sehr geehrter Herr Fink, sehr geehrter Herr Aschenbrenner, sehr geehrter Herr Zarrella,

Wie gehe ich mit Duzen und Siezen um?

Manchmal wird die Chefin mitadressiert und gesiezt, während man mit den Kolleg*innen längst beim Vornamen ist. Kein Problem: Die gesiezte, ranghöhere Person kommt zuerst, danach folgt die Gruppe in der vertrauten Form.

Beispiel:
Hallo Frau Ionescu, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Wie gehe ich mit vielen Empfänger*innen um?

Ab vier oder mehr Personen wird die namentliche Aufzählung unpraktisch. Je nach Tonfall können verschiedene Sammelformeln helfen:

Formell, unbekannte Gruppe: Sehr geehrte Damen und Herren,
Intern, vertraut: Liebe Kolleginnen und Kollegen, / Hallo zusammen, / Liebes Team, …
Genderneutral ohne Sonderzeichen: Liebe Mitarbeitende,
Mit Genderzeichen: Liebe Kolleg:innen, / Liebe Kolleg*innen,
• …

Was genau Sie verwenden, ist letztlich auch eine Frage der Unternehmenskultur. Selbst außergewöhnliche Formulierungen wie Liebe alle oder Liebe drei sind mittlerweile in einigen Teams etabliert.

Was ist mit den Personen im CC-Feld?

Wenn der eigentliche Gesprächspartner im An-Feld steht, die Vorgesetzte aber im CC mit informiert wird, gilt folgendes: Die Person im CC-Feld muss in der Anrede nicht zwingend auftauchen, sie soll ja in der Regel nur in Kenntnis von etwas gesetzt werden. Möchte man sie jedoch trotzdem persönlich ansprechen, gilt wieder die Rangfolge der Personen als maßgeblich.

 


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Bitte nicht immer auf der Glatze Locken drehen!

„Auf einer Glatze Locken drehen“ – dieser Spruch wird oft gebraucht, um Bewunderung auszudrücken: Boah, hier schafft’s jemand, auch bei dünnster Faktenlage einen brillanten Text zu schreiben. In Wirklichkeit gelingt das selten.

Von Stefan Brunn

Erfunden hat den Spruch Karl Kraus, der österreichische Satiriker und Pressekritiker. Vor mehr als hundert Jahren schrieb er: „Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen.“ Kraus verspottete Leute, die aus heißer Luft viel Wirbel machten, aber es schwang auch Anerkennung mit: Die aus dem Nichts frisierten Locken gefielen dem Publikum sogar mitunter besser als eine „Löwenmähne der Gedanken“.

Heute überwiegt bei denen, die den Spruch erwähnen, der anerkennende Aspekt. Wer den Satz im Kollegenkreis fallen lässt, schwingt sich damit sogar meist selbst aufs Podest: Andere würden an diesem dürren Thema verzweifeln, ich aber mache aus den paar Härchen noch eine Dauerwelle! 

Der elegante Weg: brillant schönschreiben
Noch häufiger dient der Spruch als Ausrede – um sich vor der lästigen, langwierigen Arbeit der Recherche zu drücken. Wer brillant genug schreibt, der hat es doch gar nicht nötig, lange in Quellen zu wühlen! Wozu tief in die Archive eintauchen, Experten anrufen oder Daten prüfen?

Mit Glanz lässt sich Gehalt aber selten ersetzen. Wer sich darauf verlässt, brillant zu frisieren, geht ein hohes Risiko ein, denn brillante Schreiber sind selten – ich zum Beispiel bin keiner. Auch Kurt Tucholsky hat das Phänomen erkannt und mit einem anderen Bild beschrieben: Banalitäten aufblasen zu Kinderballons. „Stich mit der Nadel hinein, und es bleibt ein runzliges Häufchen Grammatik“, warnte Tucholsky. 

Der sicherere Weg: gründlich recherchieren
Es gibt einen Weg zu guten Texten, der sicherer ist und auch Nicht-Genies offensteht: gründlich recherchieren. Wer so lange sucht, bis er wirklich überraschende und passgenaue Informationen zusammen hat, der braucht keine Brillantine mehr.

Beim Redenschreiben zeigt sich das besonders deutlich. Wer einen Vortrag hört, in dem alle halbe Minute eine neue, überraschende Info auftaucht, stört sich bestimmt nicht an mittelmäßiger Rhetorik. Der Stoff fesselt, der Stil kann schlicht sein. Umgekehrt gehen die großen Formulierungskünstler ein hohes Risiko ein, wenn sie eigentlich nichts zu sagen haben. Das Publikum spürt das nämlich durchaus.

Lieber genug eigene Haare auf dem Kopf
Natürlich sind die allerbesten Texte die, die starke Infos liefern plus brillant geschrieben sind. Das ist die Königsklasse. Sie ist aber selten, eben weil sowohl überraschende Tatsachen als auch geniale Autoren selten sind. Leider nur gibt es viele, die sich zwar für brillant halten, es aber nicht sind. Wenn diese ihre Arbeitszeit vom Feilen an den Formulierungen ins Recherchieren umleiten würden, wären ihre Texte schlagartig besser. Und Hand aufs Herz: Eine üppige Mähne lässt sich doch auch viel schöner in Form bringen!

 

 


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Beim Anhang abgehängt

Jedes Mal dieselbe Unsicherheit: Heißt es „angehangen“ oder „angehängt“? Beim Verweis auf Anhänge in E-Mails lohnt sich ein kurzer Blick auf Grammatik – oder auf bessere Formulierungen.

Von Katrin Liffers

Es sind die kleinen Dinge, die uns beim Schreiben aus dem Takt bringen. Bei mir ist es immer wieder der Moment, in dem ich auf einen Anhang verweisen will. „Ich habe Ihnen die Datei angehangen“? Oder doch „angehängt“? Klingt beides irgendwie richtig – ist es aber nicht.

Sprachlich korrekt ist nur „angehängt“. Das Verb anhängen gehört zu den sogenannten starken bzw. unregelmäßigen Verben, die ihr Partizip II nicht mit -t, sondern mit -en bilden. „Angehangen“ wirkt zwar vertraut, gilt aber als umgangssprachlich. Ähnliche Kandidaten sind zum Beispiel senden (gesendet/gesandt) oder wenden (gewendet/gewandt).

Die gute Nachricht: Man muss sich nicht jedes Mal an dieser Stelle festbeißen. Es gibt elegantere und klarere Möglichkeiten, auf Anhänge hinzuweisen:

„Im Anhang finden Sie die angeforderten Unterlagen.“
„Anbei sende ich Ihnen das Protokoll.“
„Die Präsentation habe ich dieser E-Mail beigefügt.“

Diese Formulierungen sind auch etwas flüssiger als die direkte Anhängen-Variante.

Und noch ein praktischer Tipp aus dem Alltag: Viele E-Mail-Programme erkennen Wörter wie „Anhang“ oder „anbei“ und geben einen Hinweis, wenn tatsächlich keine Datei angefügt ist. Eine kleine Funktion mit großer Wirkung – und ein zuverlässiger Schutz vor dem Klassiker: Ups, schon wieder den Anhang vergessen!

 


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