Die FDP wollte ein witziges Video machen und sich darin einerseits gegen Neonazis stellen und andererseits für mehr Bildung werben. Man kann nicht sagen, dass das gut geklappt hätte, denn es gibt nur Verlierer – einer davon ist die Orthographie.
Von Stefan Brunn
Machen wir es anders als viele Leute, die sich an Shitstorms beteiligen: Wir sehen uns erst mal an, worum es geht:
Die FDP bedient sich hier einer alten Idee, die sogar mal lustig war: Man nimmt Parolen ihren Ernst, indem man sie auf einer ganz anderen Ebene korrigiert. In Giovanni Guareschis „Don Camillo und Peppone“ geschieht das einigen Kommunisten, denen man die Parolen an den Wänden berichtigt. Auch Brian in Monty Pythons „Das Leben des Brian“ muss sich korrigieren lassen, als er „Römer, geht nach Hause!“ an die Wand schreibt: Ein Centurio lässt ihn sein falsches „Romanes eunt domus“ 100 Mal neu (und richtig) schreiben.
Vielleicht gab es diesen Witz ja bei den alten Römern schon, er ist eigentlich zeitlos. Was aber passiert im Herbst 2019? Die FDP wärmt diese alte Idee auf und wendet sie auf Neonazis an – man hätte bei diesem Feind ja allseitigen Beifall der Netzgemeinde erwartet. Stattdessen erntet die FDP einen Shitstorm bei Facebook & Co., in vielen Zeitungen und im Fernsehen. Sie verharmlose Rechtsradikalismus, heißt es, irgendeiner twittert sogar: „FDP, der orthographische Arm des Rechtsradikalismus“. In der Folge greifen andere wiederum diese böse Parole auf, unter anderem der Moderator Klaas Heufer-Umlauf in „Late Night Berlin“. Die rechten Parolen aufzuwerten, indem man sie richtig schreibe, sei ja wohl das Dümmste, lautet der Tenor.
Vielleicht ist die Idee der FDP nicht neu und vielleicht ist sie auch nicht mehr witzig. Aber die These hinter dem Video ist nun wirklich nicht: „Wenn man sowas richtig schreibt, dann ist es okay.“ Sondern die These lautet doch wohl unzweifelhaft: „Wenig Bildung führt zu Dummheit.“
Ob man nun Rechtschreibung als Indikator für Dummheit bewerten darf – fraglich. Aber die Absicht, durch gute Bildung weniger dumme Menschen und somit auch weniger Neonazis zu erhalten, ist nicht die schlechteste. Sie ist jedenfalls besser als der Vorsatz vieler Shitstormer, die FDP durch bewusstes Missverstehen zu diskreditieren. Beide Seiten verlieren bei dieser Auseinandersetzung an Kredit. Und übrigens wird auch die Orthographie selbst abgewertet: In der Kritik wird sie zu einer völlig unwichtigen Sache herabgewürdigt. Das war bei „Don Camillo und Peppone“ und „Leben des Brian“ noch ganz anders. Seinerzeit galt sie als durchaus taugliches Mittel, um unausgegorene Gedanken auf einfachster Ebene zu entlarven.





Einen guten Claim zu schreiben ist anspruchsvoll: Der Claim muss alles zusammenfassen, sexy rüberkommen, das eigene Image stärken und doch auch richtig und repräsentativ bleiben – und das alles in ganz wenigen Worten. Das ist auch für Profis keine leichte Aufgabe, wie man immer wieder an misslungenen Beispielen auch von großen Firmen sieht.






Der große Unterschied zwischen dem wöchentlichen „Hohlspiegel“ und dem monatlichen „Fehlanzeiger“ ist nicht die andere Erscheinungsfrequenz. Der Unterschied ist: Der SPIEGEL lässt die Fehler unkommentiert, der EULENSPIEGEL setzt seinen Senf drunter. Und genau dieser Senf ist oft gut gemacht: mal hämisch, mal höhnisch, mal nur wortspielerisch – aber immer lustig!
Viele der Beispiele würden ohne den Kommenar unten drunter überhaupt nicht lustig sein – und so ist es ja leider auch oft beim SPIEGEL. In dem Beispiel „Verbraucherpreise“ etwa macht ja erst der lapidare Kommentar den Witz aus.
Noch deutlicher wird’s hier beim „Tanztee“: Ohne den launigen „Walzer Ulbricht“ wär’s nicht mehr als ein kleiner Vertipper! Übrigens muss man sich nicht wundern, wenn im EULENSPIEGEL sehr oft Anklänge an die DDR stehen: Das Magazin war eben das einzige Satiremagazin der DDR, damals mit einer halben Million Auflage und noch wöchentlicher Erscheinungsweise. Der EULENSPIEGEL ist eine Art ostdeutscher TITANIC, setzt aber weit mehr auf Cartoons.
Übrigens findet man die Rubrik „Fehlanzeiger“ auch als Blog strukturiert und kostenlos im Netz – auch das ist ein Unterschied zum „Hohlspiegel“ des SPIEGEL.