Worum geht’s vordergründig? Bitte vollumfänglich klären!

Wenn Wörter unterschiedlich verstanden werden, wird Kommunikation gefährlich. Unzählige Male haben wir das in Seminaren schon am Beispiel „grundsätzlich“ gezeigt. Ähnlich sieht’s bei dem trendigen Wort „vordergründig“ aus.

Von Stefan Brunn

Das folgende Beispiel stammt aus dem Anlegermagazin „Der Aktionär“. Es geht in einem Interview um einen Aktionär, der sich durch die Berichterstattung eines Journalisten der „Financial Times“ über das DAX-Unternehmen Wirecard um viel Geld gebracht sieht. Uns geht es aber nur um die Verwendung des Wortes „vordergründig“:

„Vordergründig“ so zu benutzen wie hier – das ist gerade in Mode, jedenfalls sehen wir es immer häufiger. Ähnlich wie bei „grundsätzlich“ oder „vollumfänglich“ wollen die Benutzer*innen offenbar damit weismachen, dass es sich um einen juristischen Fachterminus handelt. Aber das ist natürlich Quatsch.

Wie der Gebrauch des Wortes „grundsätzlich“ ist auch der Gebrauch von „vordergründig“ unsicher in der Kommunikation – weil einige Menschen den Begriff anders verstehen als andere. Nach wie vor werden die meisten Leute „vordergründig“ so verstehen wie hier:

„Russlands Präsident Wladimir Putin besucht wieder einmal Budapest. Vordergründig geht es bei dem Treffen mit Ungarns Regierungschef Viktor Orbán um den Schutz verfolgter Christen – in  Wahrheit um Strom, Gas und Geld.“

Bei „grundsätzlich“ verstehen die einen es so, dass es um einen Grundsatz geht, vom dem man jederzeit Ausnahmen machen kann. Die anderen aber verstehen genau das Gegenteil: dass man nämlich gerade hier nie eine Ausnahme macht. Wer zum Beispiel sagt: „Ich bin grundsätzlich gegen die Todesstrafe!“, der meint ganz sicher nicht, dass er es heute so, morgen so sieht. Sondern er ist immer gegen die Todesstrafe und wird sie nie akzeptieren.

Ähnlich sieht es bei allen aus, die „vordergründig“ wie im obigen Wirecard-Beispiel benutzen: Gemeint ist vermutlich, dass man sich „hauptsächlich“ gegen Unbekannt wendet und „hauptsächlich“ bisher unbekannte Mittäter ermitteln wolle. Aber gerade diese Formulierung/Übersetzung legt natürlich nahe, dass es „eigentlich“ um etwas ganz anderes geht. Und das nährt durchaus Zweifel an der Lauterkeit der eigenen Aussage, ganz ungewollt vermutlich.

Ein Schelm könnte zum Beispiel denken, dass es nur „vordergründig“ darum geht, gegen Unbekannt zu ermitteln. „Hauptsächlich“, würde dieser Schelm denken, geht es vielleicht darum, den Journalisten Dan McCrum und die „Financial Times“ in dieser Sache abzuschrecken bzw. mundtot zu machen. Aber wie gesagt: Das würde natürlich nur ein Schelm denken!



Unser Rat unterm Strich
: Packen Sie die Wörter „grundsätzlich“, „vordergründig“ und „vollumfänglich“ in den Giftschrank – durch die unterschiedliche Verwendung besteht einfach zu viel Verwechslungsgefahr. Und wichtigtuerische Sprache ist auch kein guter Stil.

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