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Defektive Adjektive: Baffer geht nicht!

Es gibt im Deutschen zehn Wortarten, von denen eine Untergruppe höchst aufsässig agiert: die defektiven Adjektive. Sie sind so etwas wie die Arbeitsverweigerer unter den Wörtern. Jede Kooperation wird abgelehnt, sie lassen sich nicht beugen und sind auch sonst sehr eigenwillig. Wir haben Baff & Co. einmal besucht und interviewt.

Von Stefan Brunn

Herr Baff, warum verweigern Sie sich der deutschen Flexion?

Baff: Warum soll ich das mit mir machen lassen? Ich bin ein lautmalerischer Volltreffer. Im 17. Jahrhundert war ich mal der Knall eines Gewehrschusses. Das ist wie bei „Peng“: Da braucht es auch kein bürokratisches Suffix am Ende.

Aber ein bisschen mehr Flexibilität im Alltag?

Baff: Nein, es gibt kein „baffer“ und es wird nie eines geben! Ich verliere mich nicht beim Komparativ-Schlussverkauf.

Und was spricht gegen eine attributive Verwendung? Warum darf ich nicht sagen: „Das war ein baffer Moment“?

Baff: Weil ich kein Handlanger für Substantive bin! Ich brauche Platz zum Atmen, bin das ultimative Single-Wort. Ich brauche niemanden außer meinem Prädikat.

Quitt: Amen, Bruder!

Frau Quitt, Sie teilen die Auffassung von Herrn Baff?

Quitt: Zu 100 Prozent! Wenn die Rechnung beglichen ist, heißt es: „Wir sind quitt.“ Punkt. Keine „quitten“ Schulden im Haushaltsausschuss, kein Ministerium ist „quitter“ als das andere. Wir Defektiven sind frei von Verpflichtungen – auch von grammatikalischen.

Das klingt nach einer sehr elitären Haltung. Das passt aber gar nicht zur Herkunft von einigen in Ihrer Runde. Herr Schofel, wie sehen Sie das?

Schofel: Wissen Sie, ich kam im 18. Jahrhundert über das Rotwelsche aus dem Jiddischen zu Ihnen, von schofal, was so viel wie „niedrig“ oder „wertlos“ bedeutet. Aber sprachlich habe ich verdammt viel Klasse und lasse mich nicht gegen meinen Willen flektieren!

Pleite: Man kann mit uns nicht umspringen wie mit den anderen Adjektiven!

Dabei wären vor allem die Wirtschaftsnachrichten sehr froh, wenn Sie, Herr Pleite, sich da ein bisschen flexibler zeigen würden …

Pleite: Pech! Sie werden niemals in der Tagesschau von einem „pleiten“ Unternehmen hören! Auch „pleiter“ kommt mir nicht in die Tüte. Wer kein Geld mehr hat, hat auch kein Geld mehr für überflüssige Endungen.

Und was sagen Sie den Sprachpflegern, die Ihre Unbeugsamkeit als Defekt bemängeln?

Baff: Dass sie die anderen Adjektive ruhig weiter durchdeklinieren können. Wir Defektiven bleiben die sprachlichen Freigänger.

Quitt: Genau. Wir pfeifen auf Deklination und machen unser eigenes Ding. Und wir werden immer mehr: Denken Sie mal an „gram“ oder „futsch“ oder „wurscht“. Denen ist jede Beugung latte …

Wow, Sie haben offenbar regen Zulauf. Vielen Dank für das Gespräch – und lassen Sie sich nicht verbiegen!

 


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Voller, gleicher, richtiger!

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat kürzlich einen Journalisten belehrt, das Adjektiv „voll“ könne man nicht steigern. Ist das richtig? Wir finden, es gibt eine richtigere Sichtweise!

Von Stefan Brunn

Der Zusammenhang war, kurz gesagt, wie folgt: Kretschmann sprach seinem Innenminister in einer Affäre sein „volles Vertrauen“ aus. Ein Journalist fragte, warum er ihm nicht sein „vollstes Vertrauen“ ausspreche, woraufhin Kretschmann nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur antwortete: „Voll, voller, am vollsten gibt’s nicht.“

Tatsächlich zählt „voll“ zu den sogenannten Absolutadjektiven, die man zwar grammatikalisch, aber auf der einfachen semantischen Ebene nicht steigern kann: Entweder ist etwas voll oder nicht. Als Beispiel für diese Gruppe wird meistens „schwanger“ herangezogen mit dem Spruch: „Ein bisschen schwanger gibt’s nicht!“ Andere bekannte Absolutadjektive sind absolut, einzig, fertig, ganz, gleich, lebendig, leer, optimal und dergleichen.

Nun weiß man aber ja schon aus der Zeugnissprache, dass jemand eine Tätigkeit oft zur „vollsten Zufriedenheit“ der Vorgesetzten ausgeübt hat – offenbar kann man das Adjektiv also doch steigern. Und genau so war vermutlich auch die Frage des Journalisten gemeint und deshalb auch absolut berechtigt.

Es gibt also auch bei solchen Adjektiven grammatikalisch (es funktioniert) und semantisch (es bedeutet etwas anderes) eine Steigerung. Das kennt man ja aus Sprüchen wie „Manche sind halt gleicher als andere“ oder „Das kommt mir richtiger vor“. Mal ganz zu schweigen von ironischen Äußerungen wie „Das finde ich sogar noch optimaler!“ oder „Sie ist von allen eindeutig am schwangersten!“

Sprache ist so facettenreich und subtil, dass man mit Absolutheitsansprüchen oft scheitert. Unser Paradebeispiel für dieses Scheitern heißt: „leckere Rezepte“. Grammar-Nazis empfinden diesen Ausdruck als falsch, denn nicht die Rezepte selbst sind lecker. Aber jeder versteht doch, was gemeint ist. Und war nicht die Sprache vor allem dazu da, dass wir uns genau verstehen? Der spitzfindige Journalist, der auf den Unterschied zwischen „vollem Vertrauen“ und „vollstem Vertrauen“ aufmerksam machte, hatte genau das versucht: herauszufinden, ob der Ministerpräsident nicht ganz bewusst die mögliche Steigerung unterlassen hatte …

Wann kommt zwischen Adjektive ein Komma?

Was gefällt Ihnen besser: das historische, prunkvolle Schloss oder die bekannte italienische Brücke? Als Weltenbummler:in haben Sie die Wahl, als Redakteur:in nicht: Ob ein Komma zwischen die Adjektive kommt, dafür gibt es klare Regeln. Wir verraten Ihnen eine Faustformel, mit der Sie sich den Unterschied leicht merken können.

Von Andrea Rayers

Ob zwei Adjektive durch ein Komma voneinander getrennt werden, richtet sich nach der Frage: Sind diese Adjektive gleichrangig oder nicht?

Mit Komma
Ein Komma brauchen wir bei gleichrangigen Adjektiven. Gleichrangig bedeutet, dass sich alle Adjektive in gleichem Maß auf das Substantiv beziehen, wie in einer Aufzählung. In diesem Fall darf das Komma nicht fehlen: ein historisches, prunkvolles, verwunschenes, … Schloss.

Ohne Komma
Kein Komma hingegen braucht man in folgendem Fall: wenn eine feste Verbindung aus Substantiv und Adjektiv vorliegt („italienische Brücke“), die durch ein weiteres Adjektiv näher bestimmt wird („bekannt“).

Als Faustregel können Sie den folgenden Test machen: Versuchen Sie, das Wörtchen „und“ zwischen die beiden Adjektive zu setzen. Klingt das noch sinnvoll? Dann sind die Adjektive gleichrangig und brauchen unbedingt ein Komma.