Schlagwort: Storydoing

Böses Foul mit fieser Metapher

MurxLothar Matthäus bezeichnete jüngst im Fernsehen mehrere Spieler von Schalke 04 als „enteiert“. Viele Medien übernahmen die Metapher in ihre Berichte. Auch im Kulturteil von „Spiegel“ und „Zeit“ wurde sie schon gebraucht – und eine Ministerin verband den bildlichen Vergleich sogar mit einem sozialen Appell.

Fußballexperte Matthäus hat die Metapher weder erfunden noch hat er sie exklusiv – im Fußball ist sie weit verbreitet. Auch Spieler und Trainer nutzen sie in Interviews regelmäßig. Nur selten setzt sich mal jemand dagegen zur Wehr wie einst Wolfsburgs Ex-Trainer Thomas Doll. „Man neigt ja dazu zu sagen, dass der Trainer enteiert wird. Das sollte man einfach mal lassen“, kritisierte er schon vor Jahren.

Allerdings war dann das Gegenteil der Fall: Die Metapher breitete sich in den letzten zehn Jahren immer weiter aus. Im Spiegel-Kulturteil stand einmal folgender Satz:

Ihr Mann wird inzwischen als „Hausfrau“ enteiert, gefällt sich aber immer besser als Softie, der mit den Waffen des Weibischen am Pool schnatternden Gänsen den Schmuck seiner Frau andreht.

Im ZEIT-Magazin schrieb eine Kulturreporterin:

Bei allen hitzigen Diskussionen, wer was und wie viel im Dirndlkörbchen auszustellen hat, wird ja gerne übersehen, dass die Kleiderordnung der globalen Korporationen den Mann – nun ja, enteiert hat.

Und die ehemalige bayerische Staatsministerin Christine Haderthauer setzte sich in der Rheinischen Post mit der Metapher dafür ein, nicht alles zu verteufeln, was Männlichkeit ausmache:

„Enteiert mir die Jungs nicht!“

Natürlich ist „enteiern“ ein Anschluss an die Metapher „Keine Eier in der Hose haben“, die umgekehrt auch als „Eier haben“ existiert. Beide werden sicherlich von vielen als obszön (oder wenigstens als unfein) betrachtet. Insofern ist die Verwendung nicht klug: Metaphern sind nicht nur irgendein rhetorisches Mittel. Sondern sie prägen auch unser Denken. Das ist menschlich hässlich gegenüber den Bezeichneten (zum Beispiel bestimmten Trainern oder Spielern). Trainer (oder auch Politiker), denen ihr Chef reinredet, oder Spieler, die verliehen werden, sind nicht schlechter als zuvor – nur geschwächt in ihrer Position. Gerade deshalb verbietet sich dann diese Metapher.

Außerdem färbt das Image der Metapher immer auch auf den ab, der sie verwendet. Der Nobelpreisträger Paul Krugman hat sich einmal gegen schlechte Metaphern ausgesprochen, weil sie schlechtes Denken und schlechtes Handeln erzeugen können. „Enteiern“ gehört garantiert dazu, denn es erzeugt eine menschenverachtende Sichtweise.

Stefan Brunn

Warum man manche Zitate einfach nicht glaubt!

MurxPolitik braucht mehr Glaubwürdigkeit. Deshalb wäre es schön, wenn wir Politikerinnen und Politikern glauben könnten, wenn sie uns Zitate zur Veröffentlichung schicken. Vielen Zitaten sieht man aber an drei Kriterien sofort an, dass sie nie ausgesprochen wurden.  

An folgendem Ausschnitt aus einem Zitat eines MdB der SPD (Person und Partei sind uns aber egal, unglaubwürdige Zitate findet man allerorten) lassen sich die drei wichtigsten Kriterien der Unglaubwürdigkeit ganz gut zeigen:

„Auf wiederholten Druck der SPD legte der verantwortliche Bauminister Seehofer (CSU) im Juni 2020 einen Entwurf zur BauGB-Novelle vor, der diese Vereinbarung auch endlich umsetzt. Damit sollen, wie es auch in der Gesetzesbegründung heißt, Mieter*innen vor Verdrängung durch Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen geschützt werden. Nicht nur diese Einigung wurde nunmehr eigenständig vom Bauminister entfernt. Auch bei der enthaltenen Regelung zur Erleichterung der Anwendung von Baugeboten wird unser Koalitionspartner wortbrüchig.“

1. Kriterium: Niemand spricht mit Klammern. Anstatt „Bauminister Seehofer (CSU)“ hätte man wenigstens „Bauminister Seehofer von der CSU“ sagen können. Oder, noch besser, die beiden Infos in zwei Sätze packen.

2. Kriterium: Niemand spricht derart geschwollen – und wenn doch, dann sollte er es ändern. „Regelung der Erleichterung der Anwendung“ ist gemeißeltes Schriftdeutsch!

3. Kriterium: Das Präteritum ist im Mündlichen seit Jahrzehnten ausgestorben. Jeder normale Mensch sagt „Seehofer hat vorgelegt“ und nicht „Seehofer legte vor“. Wer das nicht glaubt, googelt mal „Präteritumschwund“.

Wir wissen natürlich auch, dass viele Zitate nicht von den MdB selbst stammen, sondern von ihrem Stab. Aber der sollte die Zitate wenigstens so schreiben, dass sie wirken wie gesprochen.

Und wo wir schon mal dabei sind: Ein solches Zitat ist viel zu lang, es müsste wenigstens mal unterbrochen werden. Außerdem sind auch die Sätze selbst zu lang. Die Einschübe müssten verschwinden. Und letztlich wäre es nicht schlecht, den Höhepunkt am Ende in einen ganz kurzen Satz zu kleiden, der hängen bleibt. Diesen hier kann sich vermutlich nicht mal der Abgeordnete selbst merken.

Stefan Brunn

Krass: DIESE typografische Marotte schreit uns an!

Mit einem kleinen typografischen Eingriff kann man viel bewegen. Das wissen inzwischen auch Online-Redaktionen – und wenden den Trick in jeder dritten Nachricht an.

 

SO hast Du sie noch nie gesehen!
HIER zeigt sie sich splitterfasernackt.
Plötzlich mischt SIE sich ein und tadelt den Moderator.

Der Trick liegt auf der Hand: Man lege die Betonung in ein kurzes Wort und schreibe es dann groß. Schon weiß das Publikum, wo es laut werden soll im Satz. Und genau das ist auch das Problem: Dauernde Schreierei nervt, zumal dann, wenn die Marotte so durchschaubar ist.

 

 

Im Satz einzelne Wörter komplett groß zu schreiben, ist selten notwendig. Es kann schon mal nützlich sein, wenn man zum Beispiel in Reintext-E-Mails keine andere Möglichkeit zur Hervorhebung hat. Dann hilft‘s schon mal, ein ODER oder ein NICHT groß zu schreiben, um etwas zu verdeutlichen.

Ansonsten sollte man wissen, dass der sogenannte Versalsatz das Lesetempo reduziert. Man sollte also weder unmotiviert mitten im Satz Wörter groß schreiben noch ganze Textzeilen. Außer natürlich, man will gar nicht schreiben, sondern SCHREIEN!

Stefan Brunn

Puthahn statt Putin, Aspir statt Aspirin!

MurxDoofheit oder Provokation? Man kann es fast nicht glauben, dass ein Mandatsträger seinen Protest gegen das Wort „Fahrspurende“ als vermeintlichen Gender-Begriff ernst meinte. Immerhin: Bei diesem Anlass können Befürworter und Gegner des Genderns endlich mal zusammen lachen.

Von Stefan Brunn

„Jetzt werden sogar Fahrspuren gegendert“, hatte der Berliner AfD-Politiker Gunther Lindemann kürzlich getwittert. Das Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus hielt das Wort „Fahrspurende“ fälschlicherweise für ein Partizip Präsens, das offenbar jemand gewählt hatte, um die männliche Form „Fahrspur“ zu gendern.

Lindemann löste damit, vermutlich unfreiwillig, viele weitere konstruierte Missverständnisse aus. Natürlich griffen auch Satire-Seiten wie der Postillon die Steilvorlage auf: Putin müsste nach dem Willen der AfD männlich benannt werden: Puthahn. An der Börse müssten neben der Dividende Divider und Dividin unterschieden werden. Und die Aspirin-Tablette sollte, so der Postillon, wie früher einfach und männlich als Aspir geschluckt werden. Am schönsten fanden wir aber folgenden grafischen Vorschlag, über den hoffentlich alle Seiten lachen können – ob man sich nun fürs Gendern einsetzt oder dagegen oder vielleicht sogar differenziert:

Als die Deutschen fast einmal ihre Sprache verstaatlicht hätten

MurxAnfang des vorigen Jahrhunderts hätte es fast einmal ein Reichssprachgesetz gegeben, der Gesetzentwurf war schon fertig. Mit Bußgeldern hätte die deutsche Sprache gegen Verstöße geschützt werden sollen. Man stelle sich vor: 25 Euro berappen für einen verbotenen Anglizismus oder ähnliches …

Von Stefan Brunn

Wem gehört die deutsche Sprache? Kleiner Tipp: Das deutsche Volk ist es nicht! Auch der deutsche Staat hat keine Eigentumsrechte daran. Richtig: Die deutsche Sprache ist ein freies Gut, über das jeder Einzelne frei verfügen kann, solange er die Freiheit der anderen nicht unerlaubt einschränkt.

Jedenfalls ist es so, dass Sie jederzeit ungestraft zu Ihrem Bett Bild sagen können und zu Ihrem Tisch Teppich. Sie dürfen Majonäse schreiben oder Maionnaise oder auch maJoNäs. Sie dürfen die Kommata setzen, wo Sie wollen, alles groß schreiben oder klein – und keiner kann Ihnen was, selbst wenn Sie einfach mitten im Satz koreanische Schriftzeichen einfügen. Die Sprache ist eben frei! Der Duden gibt bloß Tipps und hat vom Staat keine Ordnungsrechte verliehen bekommen oder ähnliches.

In Deutschland hat es nie eine staatliche Behörde zur Verwaltung und Kontrolle der deutschen Sprache gegeben. Auch kein Sprachgesetz. Allerdings wäre es 1913 fast einmal so weit gekommen. In einem kleinen Teil ihres Buches „Gegenwartsdeutsch“ haben die beiden Germanisten Helmut Glück und Wolfgang Werner Sauer sich vor vielen Jahren einmal der Sprachverwaltung des Deutschen angenommen. Damals habe ein Reichssprachamt eingerichtet werden sollen, „das die Sprache durch Verordnungen hätte pflegen und durch Bußgelder vor den Sprechern schützen sollen.“ Zu einer parlamentarischen Beschlussfassung sei es aber nie gekommen. Irgendwo zwischen belustigend und gruselig stellen sich die Germanisten diese Sprachpolizei vor – „ausgestattet mit einem Block Strafzettel für falsches Sprechen“.

Aber was hätte das eigentlich konkret bedeutet? Einige aus dieser Zeit erhaltene Dokumente geben einen Einblick in die Gedankenwelt derer, die das Reichssprachamt seinerzeit wollten. Etwa Heinrich Claß, militanter Rechtsaußen und Demokratiefeind:

„Unser gesamtes Leben soll deutschen Anstrich tragen; deshalb sorge ein Reichssprachamt, wie es der Alldeutsche Verband auf den Vorschlag von Geheimrat Dr. Trautmann längst empfohlen hat, für die Reinigung und Reinhaltung unserer Sprache – wir sehen es jetzt, wie im geschäftlichen Leben das Unwesen fremdsprachiger Bezeichnungen als unwürdig empfunden und bekämpft wird; es muss von Reichs wegen dafür gesorgt werden, dass dies anhält und weiter ausgeführt wird.“ Im gleichen Text fordert Claß übrigens auch, dass „kein Farbiger sich mehr auf deutschem Boden zeigen“ solle.

Einer seiner Geistesbrüder, ein gewisser Dr. Karl Schneider, kommt in einem Aufsatz mit dem Titel „Brauchen wir ein Reichssprachamt?“ zu der Erkenntnis: „Der viel erhobene Einwand, daß eine Regelung der deutschen Sprache deshalb unmöglich sei, weil in der Sprache die Freiheit herrsche, muss nach dieser Überlegung als abgetan gelten.“

Konkret wünschte sich Schneider, dass endlich mehr Ordnung in die verworrene deutsche Sprache komme. Ein Beispiel: das Geschlecht der Wörter. Wie unordentlich das sei im Deutschen! Die Erkenntnis, das Bekenntnis – fortan sollten alle Wörter, die auf -nis enden, weiblich sein. Umgekehrt sollte die Behörde festlegen, dass alle Wörter, die auf -tum enden, sächlich zu sein haben: Irrtum, Reichtum, Wachstum, Christentum. Komischerweise fiel ihm hier nicht das Wort Deutschtum ein.

Immerhin: Selbst Schneider & Co. wollten die Sprachaufsicht ausschließlich auf Behörden angewendet wissen. Der Privatmann hätte weiter reden und schreiben können, wie es ihm gefällt. Jedenfalls nach den damals veröffentlichten Entwürfen. Erich Ohser, Carl von Ossietzky oder Kurt Tucholsky würden nicht geglaubt haben, dass diese Freiheit lange bestanden hätte.

Spätestens nach der Rechtschreibreform 1998 darf aber wohl der Gedanke, dass eine gelenkte Regelung der deutschen Sprache besser gelingt als ihre freie Entwicklung, schon aus ganz praktischer Erfahrung als abgetan gelten. ☺

Lieber in Kanzlerämtern als in Fußballfeldern rechnen?

MurxOriginell ist anders. Aber es gibt gute Gründe, warum die Presse immerzu Fußballfelder und Bundesländer für Größenvergleiche heranzieht und keine exotischen Äquivalente.

Was helfen Zahlen, wenn man sie nicht einordnen kann? Wenig!

Wenn irgendwo eine halbe Million Quadratkilometer überschwemmt wird, was sagt Ihnen das? Ja, zugegeben, das klingt nach viel. Aber noch hilfreicher ist der Zusatz: „Das entspricht ungefähr der Fläche Spaniens.“ Dann nämlich hat man erst eine Vorstellung davon, wie viel Land hier überschwemmt wurde.

Journalist*innen nehmen dafür, Sie ahnen es bereits, am liebsten Fußballfelder. Und wenn die nicht mehr reichen, dann nehmen sie Bundesländer, am liebsten das Saarland mit seinen etwas über 2.500 Quadratkilometern. Ob das sinnvoll ist, hängt davon ab, was man vergleichen möchte. Die Tagesschau beispielsweise verglich die Fläche des Moorbrands im Emsland mit 1.100 Fußballfeldern (am Ende wären es sogar 1.400 gewesen, bei 1.000 Hektar). Das war aber keine gute Idee, denn 1.100 Fußballfelder kann sich natürlich niemand vorstellen.

Nun wenden Kritiker immer wieder ein, dass sich ja nicht jeder mit Fußball auskennt. Aber darum geht’s auch nicht: Jeder weiß ungefähr, wie groß so ein Feld ist, auf ein paar Meter gemäß FIFA- oder UEFA-Norm kommt’s ja gar nicht an. Worauf es ankommt: Jeder hat schon mal diese grünen Plätze gesehen, auf denen Fußballer*innen nun mal herumlaufen. Und deshalb hat man eine ungefähre Vorstellung, wenn einem jemand sagt: Deren neues Hauptquartier ist etwa so groß wie drei Fußballfelder. Meist reicht so eine ungefähre Angabe ja völlig aus, um dem anderen ein passables Bild vor Augen zu führen.

Der zweite Vorwurf, der Fußballfeld-Vergleichen regelmäßig gemacht wird, ist mangelnde Originalität. Das stimmt einerseits, man könnte durchaus mal andere Vergleiche wählen, wie sie zum Beispiel die Kollegen von Magaziniker vorschlagen. Andererseits ist es hier ja gerade von Vorteil, wenn man nichts Exotisches anführt. 19.000 Quadratmeter in die Grundfläche des Kanzleramts umzurechnen, wie die Kollegen nahelegen, ist Quatsch: Es kann sich doch außer in Angela Merkels Behörde selbst niemand vorstellen, wie groß da die Grundfläche ist. Und auch die 0,001 Quadratmeter, die eine Briefmarke groß ist, helfen keinem weiter.

Kurzum: Man ist erstens gut beraten, wenn man unvorstellbare Zahlen durch Vergleiche vorstellbar macht. Und man sollte zweitens immer Größen zum Vergleich heranziehen, die sich eignen und die jeder kennt – auch wenn man dafür keinen Originalitätspreis gewinnt.

Wer mit Fußballfeldern und Bundesländern rechnen mag, dem empfehlen wir die Maschine unter Rechneronline.de.

Und für die, die gern selbst rechnen, hier ein paar Zahlen, von denen wir glauben, dass sie die meistbenötigten sind: 

Veranschaulichung von Flächen:
7.140 Quadratmeter = 1 Fußballfeld
2.569 Quadratkilometer = Größe des Saarlands
357.386 Quadratkilometer = Größe Deutschlands

Veranschaulichung von Distanzen:
470 Kilometer = Köln–Berlin (Luftlinie)
6.000 Kilometer = Berlin–New York (Luftlinie)
384.400 Kilometer = Erde–Mond

Veranschaulichung von Gewicht:
1.400 Kilogramm = 1 Auto
6.000 Kilogramm = 1 Elefant

Veranschaulichung von Volumen:
150 Liter = 1 Badewanne
650.000 Liter = 25-Meter-Becken

Veranschaulichung von CO2-Ausstoß:
170 Kilogramm CO2 = Flug von Köln nach Berlin
10.000 Kilogramm CO2 = jährlicher Pro-Kopf-Ausstoß in Deutschland

Veranschaulichung von Geldbeträgen*:
360 Milliarden Euro = Bundeshaushalt
6.180 Euro = Mindestausbildungsvergütung
210 Euro = Rundfunkbeitrag pro Jahr

* Zahlen für 2020

Ach ja: Und dann muss man natürlich auch noch ein bisschen rechnen können. Dass Mathe allerdings nicht unbedingt das Lieblingsfach von uns Schreiberlingen ist, war mal ganz nett in der Berliner Morgenpost belegt.

Stefan Brunn

 

In 1732 war es auch nicht besser!

MurxSeit über 100 Jahren wettern Stilkritiker dagegen, Jahreszahlen die Präposition „in“ voranzustellen. Das sei ein nutzloser Anglizismus. Doppelt falsch: Weder ist „in 2020“ ein Anglizismus noch ist diese Schreibweise komplett nutzlos.

Von Stefan Brunn

Schon 1870 schrieb der berühmte Sprachpfleger Gustav Wustmann in dem Buch „Allerhand Sprachdummheiten“ von einer „willkürlichen Nachäfferei des Französischen und des Englischen“. Das war ein Irrtum, wie man heute weiß. Wie das Institut für Deutsche Sprache nachweist, wurde die Präposition „in“ vor einer Jahreszahl schon 1732 benutzt. Spätestens. Ein Englisch-Professor der FU Berlin weist auch in den folgenden Jahrhunderten viele weitere Verwendungen nach. Von einem Anglizismus kann also nun wirklich keine Rede sein. Vermutlich könne man eher von einem Latinismus ausgehen, meint der Experte.

Unnötig beziehungsweise überflüssig ist die Fügung aus „in“ und Jahreszahl auch nicht. Im Gegenteil: Es gibt drei recht ordentliche Argumente, sich diese Option vorzubehalten.

1. Diese Art der Formulierung trennt Zeitpunkt und Zeitraum eindeutiger.

Zu einem Zeitpunkt oder in einem Zeitraum dieses Jahres?
Bernard Dietz gewann 1980 die Europameisterschaft als Kapitän.

Im Zeitraum dieses Jahres:
Dominik Schmidt spielte in 2012 in den drei höchsten Spielklassen Deutschlands und der Champions League.

2. Eindeutig wären im obigen Bernard-Dietz-Satz ja auch die Formulierungen „Im Jahr“ oder „im Jahre“. Diese Formulierungen sind aber nicht nur veraltend, sie sind vor allem auch länger. Überall da, wo es auf kurze Texte ankommt, ist „in“ plus Jahreszahl vorteilhaft. Genau deshalb ist es im Wirtschaftsbereich so beliebt.

3. In manchen Fällen trennt das „in“ auch zwei Ziffern und sorgt damit für mehr Übersicht:

Unübersichtlich ohne „in“:
Die Zahl der Obdachlosen stieg von 5774 2018 auf 6288 2019.

Übersichtlicher mit „in“:
Die Zahl der Obdachlosen stieg von 5774 in 2018 auf 6288 in 2019.

In solchen Fällen empfiehlt sogar die Duden-Redaktion die Verwendung des „in“ vor der Jahreszahl – obwohl sie diese Kombination sonst (noch) nicht als standardsprachlich anerkennt.

In ihrer zahlenmäßigen Dominanz ist die bloße Jahreszahl auch nicht gefährdet, wie das Institut für Deutsche Sprache belegt. Man muss sie also nicht schützen wie Spitzmaulnashörner.


Unterm Strich empfiehlt der Zeilenhacker:

Meist reicht die bloße Jahreszahl, dann verzichtet man frohgemut auf das „in“ und tut keinem weh. Aber wenn Ihnen manchmal deucht, ein „in“ vor der Jahreszahl wäre in diesem Fall doch nicht schlecht: Tun Sie’s ohne schlechtes Gewissen und hören Sie nicht auf angebliche Sprachschützer!

Zwei tote Zimmer auf einen Streich

MurxEs ist immer wieder peinlich, wenn man jemanden beerdigt, der noch lebt. In der Pressegeschichte ist das aber schon unzählige Male passiert. Der FOCUS hat jetzt das Kunststück fertiggebracht, gleich zwei Männer auf einmal zu verabschieden.

Vor fast 20 Jahren berichtete der Focus einmal unter der Headline „Totgesagte leben länger“ über verfrühte Nachrufe. Viele dieser peinlichen Fälle listete man damals auf: Konrad Adenauer, Ingrid Bergman, Queen Elizabeth, Heinrich Heine, Papst Johannes XXIII., Paul McCartney. Und natürlich zitiert der Focus amüsiert, wie manche der Totgeschriebenen ihre eigenen Nachrufe kommentierten: „Ich inhalierte sie wie Schmuggelware. Die meisten von ihnen hätte ich selber nicht halb so gut schreiben können“, soll Ernest Hemingway gesagt haben. Und Mark Twain notierte feinsinnig: „Die Gerüchte über meinen Tod sind stark übertrieben.“ Als er allerdings darum bat, man möge den Fehler rasch widerrufen, habe der Zeitungsmann das abgelehnt: „Was gedruckt ist, ist gedruckt. Wir nehmen nie etwas zurück. Alles, was wir tun können, ist, eine neue Geburtsanzeige von Ihnen einzusetzen. Preis: 1 Dollar.“

Sehr schöne Geschichten hatte Focus-Redakteur Axel Wolfsgruber damals für das Feature gesammelt. Heute könnte er eine Anekdote hinzufügen: Sein eigenes Blatt nämlich hat es gerade (in Ausgabe 28) geschafft, gleich zwei Männer auf einmal zu verabschieden: den einen im Bild, den anderen im Text.

Wirklich gestorben ist Dieter E. Zimmer, ein echter Kenner der deutschen Sprache und der Literatur, dessen Bücher wir jedem Zeilenhacker-Leser nur wärmstens empfehlen können – besonders „So kommt der Mensch zur Sprache: Über Spracherwerb, Sprachentstehung, Sprache & Denken.“ Dieter E. Zimmer war im Hauptberuf jahrzehntelang Kulturredakteur der ZEIT. Dieter Eduard Zimmer starb am 19. Juni mit 85 Jahren in Berlin.

Dieter Zimmer allerdings, dessen Foto der Focus beim Nachruf versehentlich dazustellte, lebt noch. Dieter Zimmer ist ebenfalls Journalist, allerdings eher bekannt durchs Fernsehen, durch Reportagen und auch als Moderator des ZDF zwischen 1972 und 2002. Nach seinem Weggang vom ZDF schrieb Zimmer ebenfalls noch zahlreiche Bücher – die Verwechslung der Redaktion ist also peinlich, aber auch ein bisschen erklärlich.

Stefan Brunn

Komma hinterm Zitat? Das ist hier die Frage!

Aluhut„Sei kein Frosch!“ sagte die Ente zur Scholle auf dem Fünf-Meter-Brett. Tja, kommt da jetzt ein Komma hinters Zitat? Und wenn, wohin genau? Wir erklären die Regeln ganz einfach anhand von Beispielen.

Von Stefan Brunn

Drei Fälle gibt’s, die wir unterscheiden müssen:

a. Der Begleitsatz geht voran, dann folgt das Zitat bzw. die wörtliche Rede:

Die Ente sagte: „Sei kein Frosch!“

Hier steht das Satzschlusszeichen innerhalb der Anführungszeichen. Dabei ist es egal, ob es ein Punkt, Fragezeichen oder Ausrufezeichen ist. Ein Komma braucht’s hier gar nicht.

b. Anders ist’s, wenn das Zitat unterbrochen oder der Begleitsatz nachgeschoben wird, dann bedarf es eines oder mehrerer Kommata. Also:

„Sei kein Frosch!“, sagte die Ente.

Hier trennt man den Begleitsatz vorne und ggf. auch hinten mit einem Komma ab.

„Sei kein Frosch“, sagte die Ente, „daran wirst Du nicht sterben!“

Wichtiger Zusatz: Innerhalb der wörtlichen Rede steht kein Punkt, wenn der Begleitsatz nachgeschoben oder der Begleitsatz unterbrochen wird. Aber: Die anderen Satzschlusszeichen (Fragezeichen und Ausrufezeichen) stehen trotzdem! Also:

      „Sei kein Frosch!“, sagte die Ente.

Oder:

     „Mann oder Maus?“, fragte die Ente.

c. Am heikelsten ist der dritte Fall, der allerdings viel seltener auftritt. Und zwar geht es um integrierte Zitate, die eben keine Nebensätze sind, sondern Bestandteil des Hauptsatzes:

Dein dummes „Sei kein Frosch!“ kannst Du Dir sparen!

Hier folgt auf das Zitat zwar wie in a) der Hauptsatz, dieser wird aber nicht mit einem Komma abgetrennt. Das ist ganz schön nah dran an einer anderen Formulierung, bei der man das Komma setzen muss, nämlich:

Die Ente sagte „Sei kein Frosch!“, und die Antwort der Scholle war: „Da bin ich aber platt!“


Um letztlich auch noch die Frage vom Anfang zu klären: Ja, hier hätte ein Komma stehen müssen:

     „Sei kein Frosch!“, sagte die Ente zur Scholle auf dem Fünf-Meter-Brett.

Der Grund: Es handelt sich nicht um eine integrierte wörtliche Rede. Anders bzw. auch ohne Komma richtig sähe es nur so aus:

    Die Ente sagte „Sei kein Frosch!“ zur Scholle.