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Bitte nicht immer auf der Glatze Locken drehen!

„Auf einer Glatze Locken drehen“ – dieser Spruch wird oft gebraucht, um Bewunderung auszudrücken: Boah, hier schafft’s jemand, auch bei dünnster Faktenlage einen brillanten Text zu schreiben. In Wirklichkeit gelingt das selten.

Von Stefan Brunn

Erfunden hat den Spruch Karl Kraus, der österreichische Satiriker und Pressekritiker. Vor mehr als hundert Jahren schrieb er: „Ein Feuilleton schreiben heißt auf einer Glatze Locken drehen.“ Kraus verspottete Leute, die aus heißer Luft viel Wirbel machten, aber es schwang auch Anerkennung mit: Die aus dem Nichts frisierten Locken gefielen dem Publikum sogar mitunter besser als eine „Löwenmähne der Gedanken“.

Heute überwiegt bei denen, die den Spruch erwähnen, der anerkennende Aspekt. Wer den Satz im Kollegenkreis fallen lässt, schwingt sich damit sogar meist selbst aufs Podest: Andere würden an diesem dürren Thema verzweifeln, ich aber mache aus den paar Härchen noch eine Dauerwelle! 

Der elegante Weg: brillant schönschreiben
Noch häufiger dient der Spruch als Ausrede – um sich vor der lästigen, langwierigen Arbeit der Recherche zu drücken. Wer brillant genug schreibt, der hat es doch gar nicht nötig, lange in Quellen zu wühlen! Wozu tief in die Archive eintauchen, Experten anrufen oder Daten prüfen?

Mit Glanz lässt sich Gehalt aber selten ersetzen. Wer sich darauf verlässt, brillant zu frisieren, geht ein hohes Risiko ein, denn brillante Schreiber sind selten – ich zum Beispiel bin keiner. Auch Kurt Tucholsky hat das Phänomen erkannt und mit einem anderen Bild beschrieben: Banalitäten aufblasen zu Kinderballons. „Stich mit der Nadel hinein, und es bleibt ein runzliges Häufchen Grammatik“, warnte Tucholsky. 

Der sicherere Weg: gründlich recherchieren
Es gibt einen Weg zu guten Texten, der sicherer ist und auch Nicht-Genies offensteht: gründlich recherchieren. Wer so lange sucht, bis er wirklich überraschende und passgenaue Informationen zusammen hat, der braucht keine Brillantine mehr.

Beim Redenschreiben zeigt sich das besonders deutlich. Wer einen Vortrag hört, in dem alle halbe Minute eine neue, überraschende Info auftaucht, stört sich bestimmt nicht an mittelmäßiger Rhetorik. Der Stoff fesselt, der Stil kann schlicht sein. Umgekehrt gehen die großen Formulierungskünstler ein hohes Risiko ein, wenn sie eigentlich nichts zu sagen haben. Das Publikum spürt das nämlich durchaus.

Lieber genug eigene Haare auf dem Kopf
Natürlich sind die allerbesten Texte die, die starke Infos liefern plus brillant geschrieben sind. Das ist die Königsklasse. Sie ist aber selten, eben weil sowohl überraschende Tatsachen als auch geniale Autoren selten sind. Leider nur gibt es viele, die sich zwar für brillant halten, es aber nicht sind. Wenn diese ihre Arbeitszeit vom Feilen an den Formulierungen ins Recherchieren umleiten würden, wären ihre Texte schlagartig besser. Und Hand aufs Herz: Eine üppige Mähne lässt sich doch auch viel schöner in Form bringen!

 

 


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