Schlagwort: psychologie

Mit großer Schrift zur kleinen Portion

Kalorienangaben auf Speisekarten beeinflussen unsere Auswahl. Eine US-Studie zeigt, dass sich auch die Typografie der Zahlen auswirkt. Das passt zu früheren psychologischen Erkenntnissen.

Von Stefan Brunn

In den USA ist es seit einigen Jahren vorgeschrieben, dass Restaurants (jedenfalls Restaurant-Ketten) die Kalorien pro Gericht angeben müssen. Nicht präzise festgelegt ist, wie sie diese Zahlen typografisch setzen. Eine Studie der Washington State University zeigt, dass aber genau das einen Einfluss auf unsere Essensentscheidungen ausmacht.


Versuchsaufbau

In dem Experiment wurde den Probanden jeweils eine Speisekarte mit zwei Gerichten präsentiert. Die Kalorienangaben waren bei beiden vorhanden, aber unterschiedlich typografisch hervorgehoben:
• In der einen Version war die geringere Kalorienzahl größer gesetzt als die höhere – ein typografisch inkongruentes Design.
• In der anderen entsprach die Schriftgröße der Kalorienzahl der tatsächlichen Höhe – also größer bei vielen, kleiner bei wenigen Kalorien.


Ergebnis

Wenn die weniger kalorienreiche Option typografisch stärker hervorgehoben war, entschieden sich mehr Personen für sie. Dieser Effekt zeigte sich besonders, wenn die Auswahl unter Zeitdruck stattfand und wenn die Probanden ein weniger stark ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein hatten.


Einordnung

Diese Ergebnisse aus der Konsumentenverhaltensforschung passen zu Ergebnissen der Psychologie. Auch dort hat man herausgefunden, dass typografische Merkmale unsere Wahrnehmung und die Bewertung von Informationen stark beeinflussen. In seinem Standardwerk „Schnelles Denken, langsames Denken“ zeigt der Nobelpreisträger Daniel Kahneman zum Beispiel, dass typografisch hervorgehobene Informationen (also etwa im Fettsatz) als glaubwürdiger empfunden werden. Mit der Gestaltung von Informationen lassen sich Rezipienten lenken und manipulieren, in der Psychologie spricht man von „Nudging“. Dieses „Anschubsen“ geschieht, natürlich, immer nur zu ihrem Besten! 😊

 

 


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Passiv-aggressive Sprache: Entwickeln sich neue Codes?

In Homeoffice-Zeiten läuft viel mehr Kommunikation über E-Mails. Einer neuen Studie zufolge führen Mails jedoch sehr oft zu Missverständnissen. Eines der häufigsten Probleme: passiv-aggressives Verhalten. Wir erklären an Beispielen, was es damit auf sich hat.

Von Hannah Molderings

Seinen Ursprung hat der Begriff „passiv-aggressiv“ in der Psychologie. Der US-amerikanische Militärpsychiater William Menninger beobachtete erstmals bei Soldaten im Zweiten Weltkrieg ein ungewöhnlich pubertäres Verhalten. Die Soldaten leisteten passiven Widerstand gegen Befehle, indem sie sarkastisch reagierten oder so taten, als hätten sie die Anweisungen nicht verstanden.

Passiv-aggressives Verhalten äußert sich vor allem dadurch, dass Betroffene ihren Ärger zwar nicht offen ausdrücken, ihn dem Gegenüber aber deutlich zu spüren geben. Was dieses Verhalten mit Sprache zu tun hat? In den allermeisten Fällen lässt es sich durch bestimmte Formulierungen oder Untertöne enttarnen. Hier ein paar Beispiele:

„Wie du meinst, mir egal.“

„Hatten wir das vereinbart?“

„Das war doch gar nicht so gemeint!“

In der digitalen Kommunikation hingegen schleichen sich solche Formulierungen eher in folgender Form ein (und führen dabei oft zu ungewollt schlechter Chemie):

„Ich bin nicht sicher, ob Sie meine letzte E-Mail erhalten haben.“
Übersetzt: „Warum antworten Sie mir nicht mal langsam?“

„Nur um sicher zu gehen, dass wir auf dem gleichen Stand sind …“
Übersetzt: „Ich kenne die richtige Antwort ja schon lange …“

„Ich hänge es zur Sicherheit nochmals an.“
Übersetzt: „Ich schicke die Datei jetzt zum dritten Mal mit, haben Sie es endlich kapiert?“

„Wie bereits besprochen …“ oder „Um mich in Ihrem Postfach noch mal weiter oben in Erinnerung zu bringen …“
Übersetzt: „Ich hatte Sie ja jetzt schon einige Male daran erinnert …“

Haben Sie diese Formulierungen selbst auch schon gelesen oder geschrieben? Wir schon! Gerade die Floskeln im letzten Beispiel könnten genauso gut unverfängliche Einstiege in eine Nachricht sein. Gehen Sie also deshalb nicht sofort auf Angriff, wenn Ihnen jemand so etwas schreibt. Wir glauben: Wenn die Kommunikation sonst immer freundlich-kollegial abläuft, sprechen solche Formulierungen nicht für ein passiv-aggressives Gegenüber.

Was in Zukunft allerdings problematisch werden könnte: Ein Teil der Leute versteht die Formulierung tatsächlich als unverfängliche Floskel, der andere aber fühlt sich passiv-aggressiv angegangen.

Womöglich verselbstständigen sich sogar passiv-aggressive Formulierungen künftig immer mehr und mutieren zu einer Art Code-Sprache. „Wie bereits besprochen“ könnte dann genauso verbrannt sein wie das altbekannte „Er war stets bemüht“ …