Kategorie: Allgemein

Nein, Verneinungen gehören nicht an den Anfang!

„Es gibt kaum etwas Schlimmeres für einen Anfang als die Negation.“ So heißt es in einer neuen „Kleinen Rhetorik des Schreibens“. Ihr zufolge brauche man bei Verneinungen gut 50 Prozent mehr Zeit, um den Sinn zu verstehen. Wir leuchten das Dunkelneinfeld einmal hell aus.

Von Stefan Brunn und Katrin Liffers

„Auf so etwas hat man als Leser keine Lust.“ So begründet der ehemalige Journalist Reinhard Tschapke (u. a. DIE WELT), warum man Negatives am Anfang von Texten meiden sollte. Er schreibt das in seinem Kapitel über die ersten Sätze im Text und verweist auf ein Ergebnis aus der Leseforschung: Tauchen in Sätzen Verneinungen auf, benötigen Leserinnen und Leser im Durchschnitt rund 50 Prozent mehr Zeit, um deren Inhalt zu verstehen. Das klingt zunächst harmlos – ist aber sehr relevant für alle, die einen guten Stil pflegen.

Verneinungen kommen oft verkleidet daher

Meine Kollegin Hannah Molderings hat vor Jahren einmal für den Zeilenhacker ein Quiz erstellt, bei dem man ganz gut sehen konnte, wie schwer es uns Verneinungen machen. Zum Beispiel so:

„Wir treten mit aller Entschiedenheit den völlig haltlosen Behauptungen entgegen, es habe im Zusammenhang mit der Bewerbung für die Fußball-WM beim DFB keine ‚schwarzen Kassen‘ gegeben.“

Original-Zitat des Deutschen Fußball-Bundes

Oder so:

„Falsche Bescheidenheit gehörte nicht zu seinen Charakterschwächen.“

aus einem Nachruf in der ZEIT

Wer genau hinschaut, sieht an den beiden Beispielen, dass Verneinungen auch durch etwas anderes als echte Negationen zustande kommen können: nämlich auch durch sogenannte Negativoide. So nennt man eingeschränkte Verneinungen wie „kaum“ oder „selten“. Besonders tückisch sind sie in Tateinheit mit einer echten Negation (wie „nicht“ oder „keine“) oder einem anderen Wort, das indirekt verneint: In den obigen Beispielen wären das etwa „entgegentreten“, „abstreiten“, „falsch“, „Schwächen“ oder „schwarze Kassen“. Wenn man mehrere solcher zusammengebauter Elemente semantisch auflösen will, muss man schon das Großhirn anschmeißen.

Warum machen die Verneinungen mehr Arbeit beim Lesen?

Der Grund liegt im Verarbeitungsprozess von Verneinungen: Wird eine Aussage verneint, baut das Gehirn zunächst automatisch die bejahte Bedeutung auf und muss sie anschließend wieder aktiv stoppen. Dieses Stoppen ist ein messbarer neuronaler Vorgang. Studien zeigen, dass Verneinungen dieselben unterbindenden Mechanismen aktivieren, mit denen wir auch Handlungen unterdrücken – etwa wenn wir eine begonnene Bewegung abrupt abbrechen. Verneinungen funktionieren demnach wie eine mentale Vollbremsung: Erst wird eine Bedeutung aktiviert – dann gezielt gedämpft.

Im Deutschen wirken Verneinungen besonders negativ

Dieses Phänomen wird in der deutschen Sprache zusätzlich durch die typische Struktur von Sätzen verstärkt. Die Verneinung steht in deutschen Sätzen in der Regel sehr weit hinten im Satz („Ich mag das Essen meiner Mutter nicht“). Dementsprechend spät im Verarbeitungsprozess wird dem Gehirn mitgeteilt, dass es bremsen muss. In Sprachen wie dem Französischen, in denen die Verneinung früher im Satz steht, fällt die Verarbeitung dementsprechend leichter („Je n`aime pas la cuisine de ma mère“).

Unauffällige Neins machen es noch komplizierter

Hinzu kommt: Je unauffälliger eine Verneinung ist, desto schwieriger wird sie zu verarbeiten. Isolierte Wörter wie „nicht“, „nie“ oder „kein“ sind gut erkennbar. Anspruchsvoller sind gebundene Morpheme wie „un-“ in „unglücklich“. Und besonders tückisch sind oben schon erwähnte Wörter wie „selten“, „kaum“ oder „wenig“ (Negativoide), die erst auf den zweiten Blick als Negationen funktionieren.

„Nicht heiß“ ist nicht kalt

Eine weitere Erkenntnis der Negationsforschung: Verneinungen kehren Bedeutungen nicht einfach um, sondern schwächen sie ab. In der Untersuchung eines Forschungsteams der New York University zeigte sich, dass Formulierungen wie „nicht heiß“ vom Gehirn eher als „weniger heiß“ verarbeitet werden – nicht als „kalt“. Verneinungen schaffen also Zwischenstufen statt klarer Gegensätze.

Fazit: Schreiben, was ist – und nicht, was nicht ist …

„Man sollte nicht erst schreiben, was eine oder einer nicht oder auf gar keinen Fall ist, um danach erst anzudeuten, was er oder sie vielleicht ist.“ So heißt es in der „Kleinen Rhetorik des Schreibens“ von Reinhard Tschapke. Das lenke beim Lesen ungeheuerlich ab. Der Mann hat natürlich Recht, auch wenn es viele Fälle gibt, in denen sich dann doch mal eine Verneinung als gut erweist. Sie sind nichts Falsches nicht. Aber sie bremsen eben das Verständnis aus und martern unser Hirn. Also: Schreiben Sie lieber nicht, was nicht ist, was ist.

Reinhard Tschapke: Kleine Rhetorik des Schreibens. Über Sprache und den Mut zum eigenen Satz. IFB Verlag Deutsche Sprache, 2025. 142 Seiten; 18 Euro. ISBN: 978-3-949233-30-2

 


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5 Regeln für bessere Betreffzeilen

Der erste Eindruck einer E-Mail entsteht, bevor sie geöffnet wird: bei der Betreffzeile. Wenn sie schlecht geschrieben ist, wird die Mail womöglich falsch, langsam oder im schlimmsten Fall gar nicht bearbeitet. Wir erklären mit fünf Regeln, wie man es richtig macht.

1. Die Betreffzeile ist Bestandteil der Mail

Die Betreffzeile ist kein schmückendes Element, sondern erfüllt eine eigene kommunikative Funktion. Damit entlasten Sie die Empfänger*innen und geben Orientierung, noch bevor Ihre eigentliche Mail gelesen wird. Außerdem kann eine gute Betreffzeile den Posteingang strukturieren und entscheidet darüber, wie schnell und mit welcher Priorität eine Mail bearbeitet wird.

✔️ DO: Fortbildung Reden schreiben – Terminabsprache für 2026
❌ DON‘T: Fortbildung 2026

2. Konkret ist besser als allgemein

Allgemeine Begriffe erzeugen unnötige kognitive Arbeit. Je spezifischer der Betreff, desto schneller können Empfänger*innen einordnen, ob und wann sie handeln müssen. Benennen Sie den Gegenstand der Mail also möglichst konkret.

✔️ DO: Feedback zum Förderantrag, Kapitel 3–5
❌ DON‘T: Feedback

3. Das To-do gehört in den Betreff

Wenn mit der E-Mail eine Handlungsaufforderung einher geht, sollte diese auch schon im Betreff auftauchen. Was soll die andere Person tun? Eine gute Betreffzeile benennt die erwartete Handlung – nicht nur das Thema.

✔️ DO: Freigabe des Leitfadens, Version 3
❌ DON‘T: Leitfaden

4. Betreff neu formulieren

Mehrfache Antwort- und Weiterleitungsketten verschleiern den eigentlichen Auftrag. Wenn Sie etwas weiterleiten oder in einem neuen Kontext antworten, ist es Ihre Aufgabe, auch den Betreff neu zu formulieren. So bleibt die Kernbotschaft immer sichtbar.

✔️ DO: Beschwerde Lieferverzug – Klärung bis Freitag
❌ DON‘T: AW: RE: WG: AW: Lieferverzug

5. Die wichtigsten Informationen stehen vorne

Viele Mailprogramme zeigen nur die ersten Wörter an. Platzieren Sie deshalb die entscheidende Information an den Anfang. Vermeiden Sie außerdem einen sperrigen Vorspann oder Nominalstil.

✔️ DO: Haushaltsplanung 2026: Zahlen prüfen, Tabelle 4
❌ DON‘T: Zur Information über die aktuelle Entwicklung der Haushaltsplanung …

 


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Mit großer Schrift zur kleinen Portion

Kalorienangaben auf Speisekarten beeinflussen unsere Auswahl. Eine US-Studie zeigt, dass sich auch die Typografie der Zahlen auswirkt. Das passt zu früheren psychologischen Erkenntnissen.

Von Stefan Brunn

In den USA ist es seit einigen Jahren vorgeschrieben, dass Restaurants (jedenfalls Restaurant-Ketten) die Kalorien pro Gericht angeben müssen. Nicht präzise festgelegt ist, wie sie diese Zahlen typografisch setzen. Eine Studie der Washington State University zeigt, dass aber genau das einen Einfluss auf unsere Essensentscheidungen ausmacht.


Versuchsaufbau

In dem Experiment wurde den Probanden jeweils eine Speisekarte mit zwei Gerichten präsentiert. Die Kalorienangaben waren bei beiden vorhanden, aber unterschiedlich typografisch hervorgehoben:
• In der einen Version war die geringere Kalorienzahl größer gesetzt als die höhere – ein typografisch inkongruentes Design.
• In der anderen entsprach die Schriftgröße der Kalorienzahl der tatsächlichen Höhe – also größer bei vielen, kleiner bei wenigen Kalorien.


Ergebnis

Wenn die weniger kalorienreiche Option typografisch stärker hervorgehoben war, entschieden sich mehr Personen für sie. Dieser Effekt zeigte sich besonders, wenn die Auswahl unter Zeitdruck stattfand und wenn die Probanden ein weniger stark ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein hatten.


Einordnung

Diese Ergebnisse aus der Konsumentenverhaltensforschung passen zu Ergebnissen der Psychologie. Auch dort hat man herausgefunden, dass typografische Merkmale unsere Wahrnehmung und die Bewertung von Informationen stark beeinflussen. In seinem Standardwerk „Schnelles Denken, langsames Denken“ zeigt der Nobelpreisträger Daniel Kahneman zum Beispiel, dass typografisch hervorgehobene Informationen (also etwa im Fettsatz) als glaubwürdiger empfunden werden. Mit der Gestaltung von Informationen lassen sich Rezipienten lenken und manipulieren, in der Psychologie spricht man von „Nudging“. Dieses „Anschubsen“ geschieht, natürlich, immer nur zu ihrem Besten! 😊

 

 


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Grisli im Duden: erlaubt oder erfunden?

Schikoree oder Tschips? Eine dieser Schreibweisen stand tatsächlich mal im Duden, bis sie dann irgendwann wieder gestrichen wurde. Unser Quiz zeigt, welche skurrilen Varianten es tatsächlich mal in den Duden geschafft haben – und welche wir Ihnen nur untergejubelt haben.

Von Hannah Molderings

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Können Schriften politisch sein?

Wann kommt in den Abendnachrichten schon mal das Thema Schriftarten vor? Als das US-Außenministerium kürzlich die Calibri amtlich aus- und die Times New Roman wieder einwechselte, wirkte die Typografie plötzlich wie ein Kulturkampf in 48 Punkt.

Von Stefan Brunn

Worum geht’s eigentlich?
Das US-Außenministerium (State Department) hat im Dezember per Direktive angeordnet, für offizielle Kommunikation nur noch Times New Roman zu verwenden und nicht mehr Calibri. Begründung: Die Times stehe eher für Respektabilität, Professionalität, Glaubwürdigkeit. Die Calibri hingegen wird als unnütze und ideologische DEIA-Maßnahme der Vorgänger-Regierung dargestellt. DEIA steht für Diversity, Equity, Inclusion und Accessibility, also Vielfalt, Chancengerechtigkeit, Inklusion und Barrierefreiheit.

Gilt der Schriftenwechsel für die gesamte US-Bundesverwaltung?
​Nein, obwohl es in vielen Medien so rüberkam. Derzeit gilt er aber nur für das State Department der USA.

Wie können Schriftarten denn überhaupt politisch sein?
Schriften sind wie Stimmen am Telefon: Man versteht den Inhalt – aber man hört auch die Haltung. Serifenschriften wie die Times wirken/klingen oft kultivierter und traditioneller, Serifenlose wie die Calibri eher informeller und moderner. Wenn Times New Roman der dunkle Anzug mit Krawatte ist, stellt die Calibri eher das aufgeknöpfte Hemd dar. Aber wenn ein Ministerium den Anzug zur Pflicht erklärt, ist das nicht nur Mode.

Gibt es andere Beispiele für politische Schrift-Entscheidungen?
Oh ja, sogar reihenweise und auf viel größerer Basis. Man denke nur an den Erlass Deutschlands von 1941, Frakturschriften zugunsten von Antiqua-Schriften (das sind die Serifenschriften) abzuschaffen. Oder an die Alphabetreform der Türkei von 1928, als man von der arabischen Schrift zum lateinischen Alphabet wechselte. In den letzten Jahrzehnten ging es aber in vielen Behörden der Welt (unter anderem in Australien, Großbritannien, Kanada oder Neuseeland) eher darum, mit serifenlosen Schriften die Lesbarkeit des Geschriebenen zu erhöhen, vor allem im Web. Im Internet verkrisseln schon mal die Serifen (das sind die kleinen Füßchen an den Buchstabenenden bei der Times). 

Ist denn die Calibri eine besser lesbare Schrift?
Tja, die Calibri ist eine sehr gut lesbare Schrift, weshalb wir sie zum Beispiel in Seminarunterlagen sehr gern verwenden. Aber erstens ist die Times New Roman auch sehr gut lesbar, wenn man nicht gerade Kleinstfußnoten auf einem pixeligen Handymonitor liest. Und zweitens weiß jeder Experte aus Studien: Die Leserlichkeit hängt hauptsächlich von ganz anderen Faktoren ab. Das sind vor allem Schriftgröße, Zeilenlänge und Zeilenabstand. Anders sieht es nur aus, wenn man ganz ungewöhnliche Schriften verwendet (irgendwelche Schmuckschriften zum Beispiel), aber dazu gehören weder Times New Roman noch Calibri.

Welche Schriften verwenden denn deutsche Bundesbehörden?
Die Bundesregierung hat eigene Hausschriften (BundesSans/BundesSerif) definiert. In der Praxis werden diese Schriften oft, aber längst nicht immer verwendet (zum stöhnenden Leidwesen der Corporate-Design-Beauftragten). Bei der Einführung dieser Schriften ging es aber nicht um eine politische Ideologie vom Typ „Wir ändern die Sprache!“. Sondern man zielte auf Einheitlichkeit, Modernisierung und auch Leserlichkeit.

Welche Schriften sind denn tatsächlich am besten lesbar?
Es gibt Schriften, die explizit für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen entworfen wurden und die somit auch alle anderen leichter lesen. Das Braille-Institut etwa hat die Atkinson Hyperlegible geschaffen, die auf maximale Zeichen-Unterscheidbarkeit (etwa O/0, I/l/1 etc.) setzt. Das American Printing House for the Blind hat die ebenfalls gratis verfügbare APHont herausgebracht. Aus Frankreich stammt die Luciole, entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Centre Technique Régional pour la Déficience Visuelle. All diese Schriften kann man kostenlos herunterladen und verwenden.

Was ist der Nachteil dieser extra-barrierefreien Schriften?
Diese Schriften sind nicht weit verbreitet. Meist liegen Schriften ja lokal auf dem Rechner, und wenn ein Dokument geöffnet wird und die Schriftart fehlt, wird wahllos irgendeine andere Schrift angezeigt. Beim Austausch von Dateien aus Word, PowerPoint oder InDesign empfiehlt es sich daher, eine der wenigen Schriften zu verwenden, die auf allen Rechnern weltweit vorinstalliert ist. Dazu gehören sowohl Calibri als auch Times New Roman. Deshalb arbeiten wir fast immer, wenn wir offene Dateien mit anderen austauschen, mit Calibri.

 


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Wer ahnt, dass er fliegt, spricht anders

Kündigungsgefährdete Top-Manager verraten sich durch ihre Wortwahl. Eine Sprachanalyse von über 45.000 Telefonkonferenzen zeigt: CEOs sprechen schon lange vor ihrer Entlassung distanzierter und ich-bezogener. Wir nennen die verräterischsten Formulierungen.

Von Katrin Liffers 

Manchmal verrät ein Gespräch mehr, als die Sprecher:innen selbst ahnen. Ein ungewohnt nüchterner Ton, ein sehr oft auftretendes Ich – solche kleinen Nuancen können erstaunlich viel darüber aussagen, was in jemandem vorgeht.

Genau diese sprachlichen Nuancen hat ein Forschungsteam der Universität von Ottawa in einer großen Studie untersucht. Acht Jahre lang haben die Forschenden mehr als 45.000 Telefonkonferenzen von CEOs verschriftlicht und anschließend mit einer Software statistisch ausgewertet, die auf 80 unterschiedliche sprachliche Merkmale trainiert war.

Dann verglichen die Forschenden zwei Gruppen miteinander: Wie sprechen CEOs, die bald ihren Job verlieren, und wie klingen diejenigen, die bleiben? Die große Frage dahinter war, ob man allein aus der Sprache ablesen kann, ob jemand bald gefeuert wird. Die Antwort: Ja. Und zwar erstaunlich gut. 

Die sprachlichen Vorzeichen einer Kündigung

„Ich“ im Mittelpunkt
Je näher die Kündigung rückt, desto öfter hört man das Wort Ich. Statt wir entwickeln oder unser Team plant traten Formulierungen wie ich habe entschieden, ich plane, ich bin verantwortlich vermehrt auf. Damit stellen die CEOs ihre eigene Leistung und ihre Fähigkeiten stärker in den Vordergrund.

Analytischer Blick
Auffällig ist auch ein sprachlicher Schwenk ins Analytische: Wörter wie analysieren, evaluieren oder strukturieren tauchen häufiger auf. Die Sätze wirken dadurch geordneter und logischer, aber eben auch ein Stück distanzierter.

Macht und Kontrolle
Begriffe, die Einfluss, Verantwortung oder Kontrolle signalisieren, treten verstärkt auf. Dazu gehören Wörter wie führen, verantworten, kontrollieren oder dominieren.

Fokus aufs Jetzt
Formulierungen, die sich auf Zukunft oder Vergangenheit beziehen, nehmen ab. Stattdessen richtet sich der Blick auf die Gegenwart mit Wörtern wie aktuell, heute oder dieses Quartal.

Besonders spannend: Diese Sprachmuster tauchen schon neun Monate vor der Entlassung auf – und verstärken sich kontinuierlich.

Die Sprache von denen, die bleiben

Wir-Gefühl
CEOs, die ihren Posten behalten, sprechen häufiger in der Wir-Form. Und auch Formulierungen wie das Unternehmen, die Mitarbeitenden oder unser Team sind oft zu finden. Die Sprache wirkt dadurch stärker gemeinschaftsorientiert und betont die Zusammengehörigkeit.

Authentizität
Ihre Sätze klingen natürlicher, direkter, weniger wie aus dem Management-Baukasten. Das liegt daran, dass die Sätze direkter, klarer und sprachlich näher am Alltagsgebrauch sind.

Mehr Gefühle
Bei diesen CEOs treten häufiger emotionale Ausdrücke auf wie freuen, zufrieden, stolz oder herausfordernd. Gefühle und Bewertungen werden also sprachlich sichtbarer. Das macht die Sprache spürbar wärmer und deutlich menschlicher.

Sichtbare Unsicherheit
Verbleibende CEOs nutzen häufiger abwägende und vorsichtige Formulierungen wie könnte, möglicherweise oder wir prüfen noch. Ihre Sprache enthält mehr Unsicherheitsmarker und Modalverben, was als Zeichen von Offenheit interpretiert werden kann.

Die Ergebnisse legen nahe, dass CEOs spüren, wenn sich ihre berufliche Situation verändert, und zwar schon lange, bevor es offizielle Entscheidungen gibt. Und dieses Gespür schlägt sich dann auch in ihrer Sprache nieder: Die ich-bezogenen und kontrollierten Formulierungen können vor diesem Hintergrund als ein Versuch gedeutet werden, das eigene Bild zu stabilisieren. Nach Einschätzung der Forschenden wird Sprache damit zu einer Art Frühwarnsystem, das erstaunlich zuverlässig funktioniert.


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Elfen wollen helfen: unsere Weihnachtstipps

Weihnachten naht und wir vom Zeilenhacker haben uns mithilfe von KI in Elfen verwandelt, die Tipps ausliefern: Was lohnt sich, übers Fest zu hören, zu lesen oder anzugucken? Wir haben Empfehlungen für Sie …

 

Andrea
Mein Tipp:
Graphic Novel: Scrooge
Trailer

Christoph
Mein Tipp:
Klaus (Netflix)
Trailer

Cornelia
Mein Tipp:
Marias kleiner Esel
Lesung

Dirk
Mein Tipp:
The Holdovers
Trailer

Hannah
Mein Tipp:
Weihnachten bei Max und Mia
Kinderbuch-Rarität

Hans
Mein Tipp:
Feuerzangenbowle
Trailer

Jochen
Mein Tipp:
Loriot: Advent
Gedicht

Jutta
Mein Tipp:
Der kleine Lord
Trailer

Katrin
Mein Tipp:
Arenz: Unser verrücktes Weihnachtsfest
Buch

Mathias
Mein Tipp:
Johann Sebastian Bach: Nun komm der Heiden Heiland
Kantate

Olli
Mein Tipp:
JD McPherson: Socks
Lied

Sebastian
Mein Tipp:
Palm Springs
Trailer

Sonja
Mein Tipp:
Matt Haig: Ein Junge namens Weihnacht
Buch

Stefan
Mein Tipp:
Ist das Leben nicht schön?
Trailer

 


Kann man KI-Texte noch entlarven?

Wer hat’s geschrieben – Mensch oder Maschine? KI-Detektoren wollen das bloßlegen. Ihr Gegenpart sind sogenannte KI-Humanizer, mit denen sie sich jetzt ein Katz-und-Maus-Spiel liefern.

Von Katrin Liffers

Image made by KI

Beim Lesen im Internet habe ich immer häufiger den Gedanken: „Moment … das klingt mir zu glatt. Das hat bestimmt die KI geschrieben!“ Beweisen kann ich das nicht wirklich – ich sammle bloß linguistische Indizien.

Eine neue Art von KI-Tools will dieses Identifizieren von KI-Inhalten objektivieren: sogenannte KI-Detektoren. Sie finden angeblich sicher heraus, ob ein Text aus einer menschlichen Feder stammt oder ob eine KI dahintersteckt. Das klingt immer praktisch und verlässlich („nur 0,6 Prozent Fehlerrate!“) – und es wäre besonders für Schulen und Hochschulen essenziell. Aber in der Realität scheinen mir die Versprechen der Hersteller bisher wackliger als ein Jenga-Turm nach der fünften Runde.

Was sind KI-Detektoren und wie gut sind sie?
KI-Detektoren analysieren Texte auf Muster, die häufig bei maschinell erzeugten Inhalten auftreten: gleichförmige Satzstrukturen, besonders brave Formulierungen oder statistische Auffälligkeiten in der Wortwahl. Bekannte Tools sind zum Beispiel GPTZero, OriginalityAI und Copyleaks.
Die Universität von Chicago hat in einer Studie die Leistung von vier Detektoren genauer unter die Lupe genommen: die kommerziellen Anbieter GPTZero, OriginalityAI und Pangram sowie den Open-Source-Detektor RoBERTa. Analysiert wurden deren Fehlerraten. Das Ergebnis: Die kommerziellen Tools schnitten deutlich besser ab als RoBERTa. Besonders niedrige Fehlerquoten lieferte Pangram – die falsche Zuordnung eines KI-Textes als menschlich beziehungsweise umgekehrt eines menschlichen Textes als künstlich lag bei mittleren und langen Texten fast bei null.

Humanizer sollen die Detektoren austricksen
Aber natürlich werden die KI-Modelle stetig besser. Sie erzeugen Texte, die menschliche Muster täuschend echt imitieren. Außerdem kommen immer mehr sogenannte KI-Humanizer auf den Markt, die KI-Detektoren gezielt austricksen sollen. Diese Humanizer drehen den Spieß um: Sie nehmen einen KI-Text und vermenschlichen ihn so stark, dass Detektoren ihn nicht mehr als künstlich erkennen. Tools wie Humanize AI Text, Undetectable AI oder der Gradually AI Humanizer verändern dazu Stil, Satzrhythmus und Wortwahl – nach dem Motto: mehr Chaos, weniger generischer Einheitsbrei. Es ergibt sich daraus ein Wettrennen zwischen den Detektoren und den Humanizern, dessen Ausgang noch offen ist.

Wie sieht das in Zukunft aus?

Manche Experten wie der Hamburger Medienwissenschaftler Stephan Weichert sind allerdings der Meinung, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die KI-Modelle ihre Texte unserem persönlichen Stil perfekt angleichen können. In dem Podcast „Die Medienwoche“ sagte Weichert kürzlich: „Ich würde bezweifeln, dass es KI-Detektoren überhaupt noch gelingt, KI-Anteile aufzudecken.“ Wenn er sich mit hochrangigen Entwicklern unterhalte, glaube keiner, dass man mit eindeutiger Sicherheit KI-Inhalte identifizieren kann. Die KI produziere eben mittlerweile Inhalte, die kaum noch zu enttarnen seien. Weichert weiter: „Und selbst wenn es jetzt noch an manchen Stellen möglich ist, wird es das in einem Jahr überhaupt nicht mehr sein. Da bin ich ganz sicher.“

Weichert vergleicht die Entwicklung mit dem Sechs-Finger-Problem, das die KI anfangs bei Bildern hatte. Dieses Problem sei mittlerweile gelöst, eine zweifelsfreie Erkennung von KI-Fotos sei nun nicht mehr möglich. Was bedeutet das für uns? Vielleicht müssen wir uns daran gewöhnen, dass die Frage „Mensch oder Maschine?“ bald nicht mehr zu beantworten ist. Wir müssen eher lernen, mit dieser Ungewissheit konstruktiv umzugehen.


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Fauler Zauber mit Zahlen

Zahlen wirken objektiv. Sind sie aber nicht. Die Recherche einer Kollegin zeigt, wie fragwürdige Statistiken sich zu medialen Wahrheiten entwickeln – und warum KI das Problem verschärfen wird.

Von Stefan Brunn

Wenn sich die Zahl der Spielsüchtigen in Deutschland innerhalb von fünf Jahren versechsfacht hat, dann stimmt etwas nicht. Entweder an den Tatsachen – oder an den Zahlen. Die Redakteurin Kathi Preppner stellt dieses Beispiel ins Zentrum eines lesenswerten Artikels im Branchenmagazin „Journalist“. Sie zeigt darin, wie eine anders gewählte Umfragemethode die Zahlen im Glücksspielatlas Deutschland massiv verändert hat: von 200.000 auf 1,3 Millionen Betroffene. Viel schockierender aber ist, wie diese offenbar manipulierbaren Zahlen sich in der Öffentlichkeit ungeprüft verbreiten.

Falsche Zahlen auf 350 Websites – und keiner korrigiert sie
Dass dieser Fall nicht isoliert steht, sondern symptomatisch für den journalistischen (aber nicht nur diesen) Umgang mit Zahlen ist, demonstriert Preppner an einem noch drastischeren Beispiel: 385 Millionen Menschen sollen sich demnach jährlich mit Pestiziden vergiften, 11.000 sterben daran. Diese Zahlen stammen aus einer Schätzung von 2020, die der Wissenschaftsverlag Springer Nature später zurückzog – methodisch unhaltbar. Nachdem die Heinrich-Böll-Stiftung sie 2022 in ihrem Pestizidatlas zitierte, griffen viele Medien sie dennoch auf. Nun waren die Zahlen nicht mehr aus dem Netz zu kriegen. Preppner berichtet, dass sie weiterhin auf 350 Websites zu finden seien – von Tagesschau.de über die ZEIT bis zum Guardian. Mehr als zwei Dutzend Redaktionen seien angeschrieben worden, kaum jemand habe sich korrigiert. Und jetzt reproduzierten auch noch KI-Chatbots diese falschen Zahlen.

Die Lehre daraus: Das Zwei-Quellen-Prinzip ist tot
Früher lernten Journalisten, dass man keine Tatsache verbreitet, ohne mindestens zwei seriöse unabhängige Quellen nachweisen zu können. Das hilft längst nicht mehr, weil im Internet alle alles remixen – und KI künftig noch viel mehr und intransparenter. Eine skeptische Grundhaltung gegenüber Zahlen ist unabdingbar, auch bei seriösen Organisationen. Wichtig ist, die eigene Skepsis mitzutransportieren. Und manchmal, wenn Zahlen verdächtig erscheinen oder sich einfach nicht erhärten lassen, gilt der einfachste Rat: weglassen.


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Die 16-Wörter-Leitplanke und wo sie herkommt

Unser Arbeitsgedächtnis hat beim Textverstehen nur sehr begrenzte Kapazitäten: 16 Wörter pro Satz gelten als Obergrenze. Wir erklären, woher diese Zahl stammt und inwiefern Satzzeichen wie Kommata oder Doppelpunkte das Textverstehen beeinflussen.

Von Stefan Brunn

Texten kann man dann am besten folgen, wenn ihre Gedanken einer nach dem anderen leicht konsumiert werden können. „Fluid information“ heißt es in der Psychologie, wenn man den Infos live folgen kann – ohne Störungen, Unterbrechungen, Zurückspulen. Dabei stößt unser Arbeitsgedächtnis schnell an seine Grenzen: Mehr als 16 Wörter pro sinnvoll gebautem Satz lassen sich kaum gleichzeitig verarbeiten. Diese Zahl stammt aus speziellen Studien zum Textverstehen. Forscher (wie hier etwa Andreas Liebl von der Universität Eichstätt) haben sich dazu experimentell angeschaut, wie viele Wörter aufgenommen und verstanden werden. Und sie zeigen auch, wie sich diese Menge verändert, wenn die Wörter in einem Satz bzw. einem inhaltlichen Kontext stehen. Während es viel Forschung dazu gibt, wie viele Wörter man sich isoliert merken kann (etwa Katze, ächz, Datum, gähnen, sardonisch …), existieren viel weniger Erkenntnisse dazu, wie viele Wörter in einem Satz man noch sinnvoll wahrnehmen kann. Schade!

Natürlich hängt eine solche Grenze nicht nur von der reinen Wortzahl ab, sondern auch von Bedeutung und Struktur. Ein linearer 16-Wort-Satz mit vertrauten Wörtern wird natürlich besser vom Gehirn verarbeitet als ein verschachteltes 16-Wort-Gebilde voller Fachbegriffe. Das erklärt, warum auch ein Satz mit 20 einfachen Wörtern leicht verdaulich sein kann, während man manch anderen mit nur 10, aber dafür schwierigen Wörtern gedanklich kaum runterkriegt. Kurze Sätze allein sind also kein Allheilmittel für Texte. Und die Satzlänge von 16 Wörtern ist nur ein Richtwert.

Und dann wären da noch die Satzzeichen. Sie können Orientierung geben und für einen guten Rhythmus sorgen. Wir nutzen sie idealerweise, um Informationen zu kleineren Portionen zu verarbeiten und gleichzeitig keinen Stakkato-Stil zu bekommen. Für die einzelnen Satzzeichen gelten aber unterschiedliche Regeln:

Kommata: Nicht zu viele! Aber wenn man sie dosiert einsetzt, ermöglichen sie es, in einem schönen abwechslungsreichen Stil zu schreiben. Dann sind auch mal bis zu 25 Wörter pro Satz okay.

Doppelpunkte: Ein sehr schönes Mittel, wenn man es nicht übertreibt. Der Doppelpunkt signalisiert: Achtung, jetzt kommt was Anderes, was Besonderes, was Wichtiges.

Klammern: Für Ein-Wort-Erklärungen eine gute Sache. Nicht geeignet, um darin ganze Gedanken zu äußern, die eigentlich einen eigenen Satz verdient hätten. Wenn in einer Klammer ein Punkt auftaucht, sollte sofort der Alarm losgehen.

Gedankenstriche: Immer dann gut, wenn nur einer davon im Satz vorkommt. Dann kann er am Ende vom Satz noch mal einen Tusch setzen – und so für besondere Aufmerksamkeit sorgen. Zwei Gedankenstriche in einem Satz sind meist schlecht bzw. nur bei kurzen Sätzen und ganz kurzen Einschüben okay.

Semikolons: Selten hilfreich, eher irritierend. Irgendwo zwischen Komma und Punkt zu verstehen. Ganz selten sinnvoll, wenn man gerade kein Komma machen kann und keinen Punkt setzen will.

Fragezeichen: Schönes Mittel, das die Betonung ändert und zum Mitdenken einlädt. Funktioniert bei manchen Textsorten super (Reden), wirkt bei anderen unangemessen (Entscheidungsvorlagen). Insgesamt aber zu selten verwendet. Warum nicht mal ein Fragezeichen und damit den Rhythmus ändern? Wenn in Texten allzu viele Fragen auftauchen, drängt sich die Frage auf, ob der Text wirklich Antworten gibt oder uns nur befragt …


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