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Von Hotdogs und dem Grounding-Hype

Wenn Googeln durchs KI-Chatten ersetzt wird, bedarf es dann in der PR ganz neuer Strategien? Dazu geistert seit einigen Monaten das Stichwort „Groundingpages“ durch die Branche. Die dpa erklärt sie schon zum neuen Standard für Sichtbarkeit. Wir ordnen das mal ein.

Von Stefan Brunn

Es ist ein paar Monate her, dass ein Journalist der BBC die milliardenschweren Tech-Giganten dieser Welt peinlichst vorführte: Thomas Germain hatte sich auf seiner privaten Website als weltweit bester Tech-Journalist beim Essen von Hotdogs dargestellt. Er musste dazu nicht viel mehr tun, als einen Wettbewerb zu erfinden, nämlich die „South Dakota International Hot Dog Championship“. Angeblich hatte er dort 7,5 Hotdogs gegessen und war damit Spitzenreiter unter Tech-Journalisten. Eigentlich eine totale Lachnummer. Aber weniger als 24 Stunden später verbreiteten die führenden Chatbots, wenn man sie danach fragte, den Unsinn in vollem Ernst. Google erzählte davon sowohl in Gemini als auch in seinen AI-Overviews, und auch ChatGPT nannte Germain laut mehreren Quellen als Sieger dieses frei erfundenen Wettbewerbs.

Ein einzelnes Schelmenstück hatte damit ein großes Problem auf den Tisch aller Wissensarbeiter gelegt: Wie gehen wir damit um, dass unsere Recherchen jetzt so leicht manipulierbar sind? Früher, bei den Google-Treffern, sahen wir immerhin einen Fundkontext und mussten beim Vergleich der Treffer mitdenken: Wer veröffentlicht da was? Ist das ein einzelner Treffer oder kommt das mehrfach vor? Welche Seriositäts-Indikatoren fallen wie ins Gewicht? Jetzt aber finden wir unsere Antworten durch die Vorzeige-Intelligenzen der höchstbewerteten Unternehmen der Welt direkt – und es ist trotzdem völliger Unfug dabei. Ein beliebiger Journalist kann diesen Unfug in zwanzig Minuten auf seine Website setzen und davon ausgehen, dass die KI ihm folgt, wenn das Thema nur speziell genug ist.

Das Aufkommen der Groundingpages

Ungefähr zur gleichen Zeit, nämlich am Ende des letzten Winters, machte eine gegenläufige Strategie im Web die Runde. Ziel dieser Strategie ist, dass Organisationen ihre Informationen mit einer bestimmten Seitenstruktur so bereitstellen, dass die großen KI-Modelle sie verlässlicher wiedergeben. Man spricht hier vom „Grounding“, genauer von „Groundingpages“.

Das Konzept geht auf Hanns Kronenberg zurück, hauptberuflich SEO-Chef bei Chefkoch. Zu Beginn des letzten Winters hatte er einen „Grounding Page Standard“ veröffentlicht. Die Idee: Unternehmen legen auf ihrer Website eine streng formatierte Faktenseite an. Darauf steht nüchtern, wer es ist, was es anbietet und womit man es nicht verwechseln soll. Werbesprache ist tabu. Schlägt ein Chatbot im Netz nach, soll er genau dort landen und sich an die Fakten halten.

Das kam an. Kronenberg selbst gab auf LinkedIn die Parole aus: „Wer 2026 keine Grounding Pages baut, ist selbst schuld.“ Auf seiner Projektseite stehen heute mehr als 60 Umsetzungen, etwa von L’Oréal, ING, Fressnapf und Antenne Bayern.

Inzwischen ist es so weit, dass die dpa, wichtigste deutsche Nachrichtenagentur, die Groundingpages auch für den neuen Standard der KI-Sichtbarkeit hält. Vorige Woche hat ihre Content-Marketing-Einheit dazu ein Whitepaper (PDF) veröffentlich, in dem die wichtigsten Merkmale solcher Groundingpages erklärt werden. Hat sich das Konzept also durchgesetzt?

Problem erkannt, Lösung: naja

Die dpa springt hier sehr früh auf den Zug. Aber ist es der richtige Zug? Es gibt jedenfalls einiges, was dagegen spricht. Am klarsten hat die Einwände der SEO-Veteran Kai Spriestersbach formuliert. Seine Kritik lässt sich auf drei Punkte bringen:

1. Die KI schaut oft gar nicht nach.
Vieles kennt ein Chatbot aus seinen Trainingsdaten, der Wissensbasis. Er sucht dann gar nicht erst im Netz. Bei Unbekanntem sucht er zwar. Dann reicht aber jede halbwegs klare Seite, auch ohne irgendeinen Standard.

2. Fremde Stimmen zählen mehr als die eigene.
Ob eine Seite sich Groundingpage nennt, ist der KI egal. Viel wichtiger ist, was Dritte über ein Unternehmen schreiben. Eine Faktenseite ersetzt also keine Pressearbeit.

3. Das Nützliche daran ist nicht neu.
Eine klare, sachliche Seite hilft Suchmaschinen schon immer. Jede gepflegte Über-uns-Seite ist quasi auch eine Groundingpage, es braucht hier keinen neuen Standard.

Was heißt das für die PR?

Es war schon zu Schreibmaschinenzeiten so, dass Infos weniger Erfolgschancen hatten, wenn sie in einem Werbesprech-Kuddelmuddel versteckt waren. Das hat sich weder durch das Aufkommen des Internets noch durch das Vordringen von Social Media geändert. Egal, auf welchen Kanälen und in welchen Erscheinungsformen die Nachrichten daherkommen – am Ende kommt es auf den Info-Kern selbst an. Wenn dieser Kern gut ist, dann ist es zusätzlich wunderbar, wenn auch Informationsarchitektur und -hygiene stimmen.

Den besten Beweis liefert ausgerechnet Thomas Germain. Dessen Hotdog-Liste war im Grunde eine sehr erfolgreiche Groundingpage: eine einfache Seite zu einer Frage, die sonst niemand beantwortete. Ihr Ruhm hielt allerdings nicht lange. Kaum hatten viele über den Streich berichtet, ordneten ihn auch die Chatbots als Witz ein. Die fremden Stimmen hatten die eigene Seite überstimmt. Wer nur einen fiktiven Würstchen-Rekord zu bieten hat, dem hilft auch die beste Groundingpage nicht. Die ist dann, mit Verlaub, wurscht.

 


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