Das gibt’s auch: Fälle, in denen Passiv besser ist als Aktiv!

Aktiv top, Passiv flop? Ohne „Täter“ muss der Leser oft Detektivarbeit leisten, um der Satzlogik zu folgen. Deshalb ist in den meisten Fällen das Aktiv besser. Manchmal ist trotzdem das Passiv vorzuziehen – dazu drei Beispiele.

Von Laura Bertenburg

1. Der Akteur spielt keine Rolle

„Der Bahnhof wird um 2 Uhr nachts geschlossen.“ Hier spielt es keine Rolle, wer den Schlüssel am Bahnhofstor umgedreht hat. „Das Passiv kann dazu dienen, eine Aussage mit geringerem sprachlichen Aufwand zu formulieren“, heißt es zurecht in einer „Stilistik für Journalisten“.

„Die Ampel fiel aus und der Sachbereich 3 des Verkehrsamts ließ sie noch am selben Tag reparieren“ ist allenfalls amtsintern korrekt formuliert. Für den Bürger wäre Passiv gerade durch die Täterverschweigung einfacher und dadurch besser: „Die ausgefallene Ampel wurde noch am selben Tag repariert.“ Wer die Reparatur der Ampel veranlasst oder durchgeführt hat, wird dem Bürger wurscht sein. Wichtig ist, dass sie rasch repariert wurde.

Ähnlich sieht‘s in folgendem Beispiel aus:
„Der Staudamm wurde weggerissen.“ Das ist stark genug auch im Passiv. Man könnte natürlich auch schreiben: „Die Fluten rissen den Staudamm weg.“ Stärker wäre das jedoch nicht, denn das Wegreißen des Staudamms ist stark genug – und kürzer.

2. Das Opfer ist wichtiger als der Täter

Auch wenn der Akteur keine Rolle spielen soll, ist Passiv eine gute Wahl. In den Vordergrund gestellt werden soll manchmal ja gerade derjenige, dem etwas widerfahren ist. Auch hier ein Beispiel aus dem Buch „Stilistik für Journalisten“: „Die Gestapo verhaftete ihn, misshandelte ihn grausam und verschleppte ihn in ein Konzentrationslager.“ In diesem Satz geht es um die Taten der Gestapo. Im Endeffekt soll der Satz jedoch das Leiden des Opfers ausdrücken. Um darauf zu fokussieren, kann man das Passiv verwenden. Hat man die Gestapo zuvor bereits genannt, wäre also ein Passivsatz wie der folgende besser: „Er wurde verhaftet, grausam misshandelt und in ein Konzentrationslager verschleppt.“

3. Das Entscheidende muss nach vorne – zum Beispiel für SEO-Zwecke

Auch beim Schreiben fürs Internet und insbesondere bei der Suchmaschinenoptimierung SEO (Search Engine Optimization) kann eine Passiv-Konstruktion vorteilhaft sein. Eyetracking-Studien haben ergeben, dass Internetnutzer Texte im F-förmigen Muster (an)lesen. Dabei blicken Leser zunächst nur auf die ersten zwei oder drei Wörter eines Absatzes. Ist das Interesse geweckt, stehen die Chancen gut, dass dem restlichen Text mehr Zeit geschenkt wird. Wenn die ersten zwei Wörter eines Absatzes aber keinerlei Anreiz bieten, dann wird über den Rest hinweggescrollt oder gleich das ganze Fenster weggeklickt.

Das Objekt muss also oft an den Satzanfang. Nehmen wir dazu einen Beispielsatz: „Unsere Firma hat die 12 wichtigsten SEO-Gebote formuliert.“ So ausgedrückt, steht die Firma am Anfang – die interessiert die meisten Zielgruppen aber vermutlich weniger als die 12 SEO-Gebote. Deshalb ist es schlauer, die Gebote an den Anfang zu setzen: „Die 12 wichtigsten SEO-Gebote wurden jetzt von unserer Firma formuliert.“

Das klingt nicht so schön? Stimmt! Genau das ist der Preis, den man für eine Suchmaschinenoptimierung der Texte bezahlen muss. Theoretisch bräuchte man hier übrigens nicht mal das Passiv: „Die 12 wichtigsten SEO-Gebote hat jetzt unsere Firma formuliert.“ Hier hat man das Passiv vermieden. Stilistisch schöner geworden ist’s dadurch aber nicht.


Unterm Strich

Der Rat, Passiv müsse man immer vermeiden, ist allzu pauschal. Man darf das Passiv durchaus benutzen, wenn es gute Gründe dafür gibt.

Kennen Sie noch andere Anlässe, warum Passiv-Konstellationen manchmal von Vorteil sind? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

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