Wir lesen nach bestimmten Mustern, nur welchen?

Die Annahme, dass Texte vom Anfang bis zum Ende gelesen werden, war schon immer naiv. Stattdessen gibt es diverse konkurrierende Muster, nach denen man sich Texten zuwendet – und diese sind von vielen Faktoren abhängig.

Von Maren Tönisen

Jahrhundertelang basierte die Leseforschung auf Spekulationen. Erst in den letzten 50 bis 100 Jahren nähert sie sich von mehreren Seiten halbwegs wissenschaftlichen Erkenntnissen an. Manche kommen aus der Kognitionspsychologie, andere von Techniken wie dem Eyetracking oder dem Readerscan, vor allem aber hat man gelernt aus dem Tracking mit Google Analytics, Chartbeat und anderer Software.

Aufbauend auf diesen Ergebnissen entwickeln Forscher, Praktiker und Berater jetzt Theorien, nach welchen Mustern die Leute lesen – beziehungsweise scannen. Diese Annahmen konkurrieren mit teils netten Namen wie „Layer-Cake-Pattern“ um Anerkennung in der Wissenschaftsgemeinschaft. Wir haben ein paar dieser Lese-Muster-Modelle ausgewählt und uns deutsche Übersetzungen für ihre Namen ausgedacht:

Commitment-Pattern

Das „Kohldampf-Schema“ tritt dann auf, wenn Leser sich extrem für eine Sache interessieren. Sie saugen einen Text dann vom ersten bis zum letzten Wort begierig auf. Richtige Fans zum Beispiel tun das, wenn das Objekt ihrer Begierde etwas verkündet. Das passiert auch schon mal, wenn in Suchtreffern, Betreffzeilen oder Überschriften etwas ganz Großartiges versprochen wurde. Zum Beispiel, wie man ein schlimmes Computerproblem löst. Oder wie man sich einen geldwerten Vorteil verschafft. Oder, umgekehrt, bei Post vom Abmahnanwalt, von der Staatsanwaltschaft, der Polizei oder von Aufsichtsbehörden: Solche Texte lesen selbst Lesefaule oft sehr intensiv vom ersten bis zum letzten Wort 😉

Leider glauben aber zu viele Autoren, dass ihre Leser jedes Wort verschlingen – es stimmt nämlich meist nicht. Trotzdem scheinen unzählige Vorstände, Präsidenten und andere wichtige Funktionäre zu glauben, dass man jedes ihrer Worte sehnsüchtig erhofft. Anders kann man sich die ellenlangen Vor- und Geleitworte in Broschüren jedenfalls kaum erklären.

Z-Pattern

Das „Z-Muster“ ist für alle ein alter Hut, die ihr Handwerk im Zeitungsgewerbe erlernt haben. Angeblich fängt der Leser demzufolge eine gedruckte Seite links oben zu lesen an und schwenkt vom oberen rechten Teil der Seite nach links unten, um dann nach rechts unten zu blicken. Diese Annahme widerspricht allerdings einer anderen Theorie: dass nämlich in Zeitungen und Zeitschriften immer zuerst die Bilder angesprungen werden. Die Blattmacher bauen ihre Seiten deshalb nach dem Henne-Küken-Prinzip auf: Ein großes Bild zieht das Auge an, zwei bis vier weitere lenken den Blick weiter und verführen den Leser zum Verweilen auf der Seite.

Im Internet gelten ganz andere Regeln – schon deshalb, weil die User dort Bilder anders bewerten: Oft erwarten sie nämlich, dass Bilder entweder Werbung beinhalten oder nur informationslose Stockfotos sind. Und solche Bilder blenden Leser unheimlich gern aus.

F-Pattern

Das „F-Schema“ ist ein ebenfalls recht bekanntes und auch anerkanntes Muster. Es tritt auf, wenn der Leser überhaupt noch nicht weiß, was er von einem Text erwarten darf. Der Leser testet den Text in Form eines F an: Die erste Zeile liest er noch recht weit, dann probiert er einen anderen Absatz, liest dessen erste Worte und fliegt dann mit den Augen nach unten. Sieht man sich die Fixationspunkte aus der Distanz an, bildet sich eine F-Form aus. Leser benutzen diese Art zu lesen, weil sie so mit wenig Aufwand und schnell prüfen können, ob ihnen ein Text weiterhilft. Für Autoren heißt das: sofort liefern! Wer nicht spätestens mit dem Beginn des zweiten Absatzes überzeugt, kriegt keine dritte Chance.

Layer-Cake-Pattern

Dieses „Schichtkuchen-Muster“ tritt auf, wenn der Leser zunächst alle Überschriften und Zwischenüberschriften liest, nicht aber die Absätze dazwischen. Das ist für ihn vor allem dann sinnvoll, wenn der Text viele und gut strukturierte Überschriften enthält. Typischerweise ist das bei FAQ-Texten (Frequently Asked Questions) der Fall, aber auch dann, wenn sich ein Autor viel Mühe mit der Struktur eines Textes und den Überschriften gegeben hat. Aus unserer Sicht sollten Texter dieses Lesemuster immer erwägen: Die Gruppe der potenziellen Leser ist sicher zig Mal so groß wie die der Fans, die nach jedem Wort des Autors lechzen.

Spotted-Pattern

Das „Trüffelschwein-Muster“ tritt auf, wenn der Leser extrem gezielt nach einer bestimmten Information sucht – das kann zum Beispiel eine Wortdefinition sein oder eine Preisinformation oder bestimmte Öffnungszeiten oder ein Link. Genau genommen kann man dieses Scannen nicht mal Lesen nennen, denn es handelt sich nur um eine Suche. Dieses Muster kommt vermutlich viel häufiger vor, als Texter es wahrhaben wollen. Leser, die nur nach Trüffeln suchen, wollen diese nicht tief verbuddelt in Textmengen sehen, sondern eher grafisch hervorgehoben, gern auch in Listen oder Tabellen.

Mehr über das F- und das Schichtkuchen-Muster gibt’s auf den Seiten der Norman-Nielsen-Group zu lesen oder im folgenden Video:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.