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Können Schriften politisch sein?

Wann kommt in den Abendnachrichten schon mal das Thema Schriftarten vor? Als das US-Außenministerium kürzlich die Calibri amtlich aus- und die Times New Roman wieder einwechselte, wirkte die Typografie plötzlich wie ein Kulturkampf in 48 Punkt.

Von Stefan Brunn

Worum geht’s eigentlich?
Das US-Außenministerium (State Department) hat im Dezember per Direktive angeordnet, für offizielle Kommunikation nur noch Times New Roman zu verwenden und nicht mehr Calibri. Begründung: Die Times stehe eher für Respektabilität, Professionalität, Glaubwürdigkeit. Die Calibri hingegen wird als unnütze und ideologische DEIA-Maßnahme der Vorgänger-Regierung dargestellt. DEIA steht für Diversity, Equity, Inclusion und Accessibility, also Vielfalt, Chancengerechtigkeit, Inklusion und Barrierefreiheit.

Gilt der Schriftenwechsel für die gesamte US-Bundesverwaltung?
​Nein, obwohl es in vielen Medien so rüberkam. Derzeit gilt er aber nur für das State Department der USA.

Wie können Schriftarten denn überhaupt politisch sein?
Schriften sind wie Stimmen am Telefon: Man versteht den Inhalt – aber man hört auch die Haltung. Serifenschriften wie die Times wirken/klingen oft kultivierter und traditioneller, Serifenlose wie die Calibri eher informeller und moderner. Wenn Times New Roman der dunkle Anzug mit Krawatte ist, stellt die Calibri eher das aufgeknöpfte Hemd dar. Aber wenn ein Ministerium den Anzug zur Pflicht erklärt, ist das nicht nur Mode.

Gibt es andere Beispiele für politische Schrift-Entscheidungen?
Oh ja, sogar reihenweise und auf viel größerer Basis. Man denke nur an den Erlass Deutschlands von 1941, Frakturschriften zugunsten von Antiqua-Schriften (das sind die Serifenschriften) abzuschaffen. Oder an die Alphabetreform der Türkei von 1928, als man von der arabischen Schrift zum lateinischen Alphabet wechselte. In den letzten Jahrzehnten ging es aber in vielen Behörden der Welt (unter anderem in Australien, Großbritannien, Kanada oder Neuseeland) eher darum, mit serifenlosen Schriften die Lesbarkeit des Geschriebenen zu erhöhen, vor allem im Web. Im Internet verkrisseln schon mal die Serifen (das sind die kleinen Füßchen an den Buchstabenenden bei der Times). 

Ist denn die Calibri eine besser lesbare Schrift?
Tja, die Calibri ist eine sehr gut lesbare Schrift, weshalb wir sie zum Beispiel in Seminarunterlagen sehr gern verwenden. Aber erstens ist die Times New Roman auch sehr gut lesbar, wenn man nicht gerade Kleinstfußnoten auf einem pixeligen Handymonitor liest. Und zweitens weiß jeder Experte aus Studien: Die Leserlichkeit hängt hauptsächlich von ganz anderen Faktoren ab. Das sind vor allem Schriftgröße, Zeilenlänge und Zeilenabstand. Anders sieht es nur aus, wenn man ganz ungewöhnliche Schriften verwendet (irgendwelche Schmuckschriften zum Beispiel), aber dazu gehören weder Times New Roman noch Calibri.

Welche Schriften verwenden denn deutsche Bundesbehörden?
Die Bundesregierung hat eigene Hausschriften (BundesSans/BundesSerif) definiert. In der Praxis werden diese Schriften oft, aber längst nicht immer verwendet (zum stöhnenden Leidwesen der Corporate-Design-Beauftragten). Bei der Einführung dieser Schriften ging es aber nicht um eine politische Ideologie vom Typ „Wir ändern die Sprache!“. Sondern man zielte auf Einheitlichkeit, Modernisierung und auch Leserlichkeit.

Welche Schriften sind denn tatsächlich am besten lesbar?
Es gibt Schriften, die explizit für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen entworfen wurden und die somit auch alle anderen leichter lesen. Das Braille-Institut etwa hat die Atkinson Hyperlegible geschaffen, die auf maximale Zeichen-Unterscheidbarkeit (etwa O/0, I/l/1 etc.) setzt. Das American Printing House for the Blind hat die ebenfalls gratis verfügbare APHont herausgebracht. Aus Frankreich stammt die Luciole, entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Centre Technique Régional pour la Déficience Visuelle. All diese Schriften kann man kostenlos herunterladen und verwenden.

Was ist der Nachteil dieser extra-barrierefreien Schriften?
Diese Schriften sind nicht weit verbreitet. Meist liegen Schriften ja lokal auf dem Rechner, und wenn ein Dokument geöffnet wird und die Schriftart fehlt, wird wahllos irgendeine andere Schrift angezeigt. Beim Austausch von Dateien aus Word, PowerPoint oder InDesign empfiehlt es sich daher, eine der wenigen Schriften zu verwenden, die auf allen Rechnern weltweit vorinstalliert ist. Dazu gehören sowohl Calibri als auch Times New Roman. Deshalb arbeiten wir fast immer, wenn wir offene Dateien mit anderen austauschen, mit Calibri.

 


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Wer ahnt, dass er fliegt, spricht anders

Kündigungsgefährdete Top-Manager verraten sich durch ihre Wortwahl. Eine Sprachanalyse von über 45.000 Telefonkonferenzen zeigt: CEOs sprechen schon lange vor ihrer Entlassung distanzierter und ich-bezogener. Wir nennen die verräterischsten Formulierungen.

Von Katrin Liffers 

Manchmal verrät ein Gespräch mehr, als die Sprecher:innen selbst ahnen. Ein ungewohnt nüchterner Ton, ein sehr oft auftretendes Ich – solche kleinen Nuancen können erstaunlich viel darüber aussagen, was in jemandem vorgeht.

Genau diese sprachlichen Nuancen hat ein Forschungsteam der Universität von Ottawa in einer großen Studie untersucht. Acht Jahre lang haben die Forschenden mehr als 45.000 Telefonkonferenzen von CEOs verschriftlicht und anschließend mit einer Software statistisch ausgewertet, die auf 80 unterschiedliche sprachliche Merkmale trainiert war.

Dann verglichen die Forschenden zwei Gruppen miteinander: Wie sprechen CEOs, die bald ihren Job verlieren, und wie klingen diejenigen, die bleiben? Die große Frage dahinter war, ob man allein aus der Sprache ablesen kann, ob jemand bald gefeuert wird. Die Antwort: Ja. Und zwar erstaunlich gut. 

Die sprachlichen Vorzeichen einer Kündigung

„Ich“ im Mittelpunkt
Je näher die Kündigung rückt, desto öfter hört man das Wort Ich. Statt wir entwickeln oder unser Team plant traten Formulierungen wie ich habe entschieden, ich plane, ich bin verantwortlich vermehrt auf. Damit stellen die CEOs ihre eigene Leistung und ihre Fähigkeiten stärker in den Vordergrund.

Analytischer Blick
Auffällig ist auch ein sprachlicher Schwenk ins Analytische: Wörter wie analysieren, evaluieren oder strukturieren tauchen häufiger auf. Die Sätze wirken dadurch geordneter und logischer, aber eben auch ein Stück distanzierter.

Macht und Kontrolle
Begriffe, die Einfluss, Verantwortung oder Kontrolle signalisieren, treten verstärkt auf. Dazu gehören Wörter wie führen, verantworten, kontrollieren oder dominieren.

Fokus aufs Jetzt
Formulierungen, die sich auf Zukunft oder Vergangenheit beziehen, nehmen ab. Stattdessen richtet sich der Blick auf die Gegenwart mit Wörtern wie aktuell, heute oder dieses Quartal.

Besonders spannend: Diese Sprachmuster tauchen schon neun Monate vor der Entlassung auf – und verstärken sich kontinuierlich.

Die Sprache von denen, die bleiben

Wir-Gefühl
CEOs, die ihren Posten behalten, sprechen häufiger in der Wir-Form. Und auch Formulierungen wie das Unternehmen, die Mitarbeitenden oder unser Team sind oft zu finden. Die Sprache wirkt dadurch stärker gemeinschaftsorientiert und betont die Zusammengehörigkeit.

Authentizität
Ihre Sätze klingen natürlicher, direkter, weniger wie aus dem Management-Baukasten. Das liegt daran, dass die Sätze direkter, klarer und sprachlich näher am Alltagsgebrauch sind.

Mehr Gefühle
Bei diesen CEOs treten häufiger emotionale Ausdrücke auf wie freuen, zufrieden, stolz oder herausfordernd. Gefühle und Bewertungen werden also sprachlich sichtbarer. Das macht die Sprache spürbar wärmer und deutlich menschlicher.

Sichtbare Unsicherheit
Verbleibende CEOs nutzen häufiger abwägende und vorsichtige Formulierungen wie könnte, möglicherweise oder wir prüfen noch. Ihre Sprache enthält mehr Unsicherheitsmarker und Modalverben, was als Zeichen von Offenheit interpretiert werden kann.

Die Ergebnisse legen nahe, dass CEOs spüren, wenn sich ihre berufliche Situation verändert, und zwar schon lange, bevor es offizielle Entscheidungen gibt. Und dieses Gespür schlägt sich dann auch in ihrer Sprache nieder: Die ich-bezogenen und kontrollierten Formulierungen können vor diesem Hintergrund als ein Versuch gedeutet werden, das eigene Bild zu stabilisieren. Nach Einschätzung der Forschenden wird Sprache damit zu einer Art Frühwarnsystem, das erstaunlich zuverlässig funktioniert.


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Elfen wollen helfen: unsere Weihnachtstipps

Weihnachten naht und wir vom Zeilenhacker haben uns mithilfe von KI in Elfen verwandelt, die Tipps ausliefern: Was lohnt sich, übers Fest zu hören, zu lesen oder anzugucken? Wir haben Empfehlungen für Sie …

 

Andrea
Mein Tipp:
Graphic Novel: Scrooge
Trailer

Christoph
Mein Tipp:
Klaus (Netflix)
Trailer

Cornelia
Mein Tipp:
Marias kleiner Esel
Lesung

Dirk
Mein Tipp:
The Holdovers
Trailer

Hannah
Mein Tipp:
Weihnachten bei Max und Mia
Kinderbuch-Rarität

Hans
Mein Tipp:
Feuerzangenbowle
Trailer

Jochen
Mein Tipp:
Loriot: Advent
Gedicht

Jutta
Mein Tipp:
Der kleine Lord
Trailer

Katrin
Mein Tipp:
Arenz: Unser verrücktes Weihnachtsfest
Buch

Mathias
Mein Tipp:
Johann Sebastian Bach: Nun komm der Heiden Heiland
Kantate

Olli
Mein Tipp:
JD McPherson: Socks
Lied

Sebastian
Mein Tipp:
Palm Springs
Trailer

Sonja
Mein Tipp:
Matt Haig: Ein Junge namens Weihnacht
Buch

Stefan
Mein Tipp:
Ist das Leben nicht schön?
Trailer

 


Kann man KI-Texte noch entlarven?

Wer hat’s geschrieben – Mensch oder Maschine? KI-Detektoren wollen das bloßlegen. Ihr Gegenpart sind sogenannte KI-Humanizer, mit denen sie sich jetzt ein Katz-und-Maus-Spiel liefern.

Von Katrin Liffers

Image made by KI

Beim Lesen im Internet habe ich immer häufiger den Gedanken: „Moment … das klingt mir zu glatt. Das hat bestimmt die KI geschrieben!“ Beweisen kann ich das nicht wirklich – ich sammle bloß linguistische Indizien.

Eine neue Art von KI-Tools will dieses Identifizieren von KI-Inhalten objektivieren: sogenannte KI-Detektoren. Sie finden angeblich sicher heraus, ob ein Text aus einer menschlichen Feder stammt oder ob eine KI dahintersteckt. Das klingt immer praktisch und verlässlich („nur 0,6 Prozent Fehlerrate!“) – und es wäre besonders für Schulen und Hochschulen essenziell. Aber in der Realität scheinen mir die Versprechen der Hersteller bisher wackliger als ein Jenga-Turm nach der fünften Runde.

Was sind KI-Detektoren und wie gut sind sie?
KI-Detektoren analysieren Texte auf Muster, die häufig bei maschinell erzeugten Inhalten auftreten: gleichförmige Satzstrukturen, besonders brave Formulierungen oder statistische Auffälligkeiten in der Wortwahl. Bekannte Tools sind zum Beispiel GPTZero, OriginalityAI und Copyleaks.
Die Universität von Chicago hat in einer Studie die Leistung von vier Detektoren genauer unter die Lupe genommen: die kommerziellen Anbieter GPTZero, OriginalityAI und Pangram sowie den Open-Source-Detektor RoBERTa. Analysiert wurden deren Fehlerraten. Das Ergebnis: Die kommerziellen Tools schnitten deutlich besser ab als RoBERTa. Besonders niedrige Fehlerquoten lieferte Pangram – die falsche Zuordnung eines KI-Textes als menschlich beziehungsweise umgekehrt eines menschlichen Textes als künstlich lag bei mittleren und langen Texten fast bei null.

Humanizer sollen die Detektoren austricksen
Aber natürlich werden die KI-Modelle stetig besser. Sie erzeugen Texte, die menschliche Muster täuschend echt imitieren. Außerdem kommen immer mehr sogenannte KI-Humanizer auf den Markt, die KI-Detektoren gezielt austricksen sollen. Diese Humanizer drehen den Spieß um: Sie nehmen einen KI-Text und vermenschlichen ihn so stark, dass Detektoren ihn nicht mehr als künstlich erkennen. Tools wie Humanize AI Text, Undetectable AI oder der Gradually AI Humanizer verändern dazu Stil, Satzrhythmus und Wortwahl – nach dem Motto: mehr Chaos, weniger generischer Einheitsbrei. Es ergibt sich daraus ein Wettrennen zwischen den Detektoren und den Humanizern, dessen Ausgang noch offen ist.

Wie sieht das in Zukunft aus?

Manche Experten wie der Hamburger Medienwissenschaftler Stephan Weichert sind allerdings der Meinung, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die KI-Modelle ihre Texte unserem persönlichen Stil perfekt angleichen können. In dem Podcast „Die Medienwoche“ sagte Weichert kürzlich: „Ich würde bezweifeln, dass es KI-Detektoren überhaupt noch gelingt, KI-Anteile aufzudecken.“ Wenn er sich mit hochrangigen Entwicklern unterhalte, glaube keiner, dass man mit eindeutiger Sicherheit KI-Inhalte identifizieren kann. Die KI produziere eben mittlerweile Inhalte, die kaum noch zu enttarnen seien. Weichert weiter: „Und selbst wenn es jetzt noch an manchen Stellen möglich ist, wird es das in einem Jahr überhaupt nicht mehr sein. Da bin ich ganz sicher.“

Weichert vergleicht die Entwicklung mit dem Sechs-Finger-Problem, das die KI anfangs bei Bildern hatte. Dieses Problem sei mittlerweile gelöst, eine zweifelsfreie Erkennung von KI-Fotos sei nun nicht mehr möglich. Was bedeutet das für uns? Vielleicht müssen wir uns daran gewöhnen, dass die Frage „Mensch oder Maschine?“ bald nicht mehr zu beantworten ist. Wir müssen eher lernen, mit dieser Ungewissheit konstruktiv umzugehen.


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Fauler Zauber mit Zahlen

Zahlen wirken objektiv. Sind sie aber nicht. Die Recherche einer Kollegin zeigt, wie fragwürdige Statistiken sich zu medialen Wahrheiten entwickeln – und warum KI das Problem verschärfen wird.

Von Stefan Brunn

Wenn sich die Zahl der Spielsüchtigen in Deutschland innerhalb von fünf Jahren versechsfacht hat, dann stimmt etwas nicht. Entweder an den Tatsachen – oder an den Zahlen. Die Redakteurin Kathi Preppner stellt dieses Beispiel ins Zentrum eines lesenswerten Artikels im Branchenmagazin „Journalist“. Sie zeigt darin, wie eine anders gewählte Umfragemethode die Zahlen im Glücksspielatlas Deutschland massiv verändert hat: von 200.000 auf 1,3 Millionen Betroffene. Viel schockierender aber ist, wie diese offenbar manipulierbaren Zahlen sich in der Öffentlichkeit ungeprüft verbreiten.

Falsche Zahlen auf 350 Websites – und keiner korrigiert sie
Dass dieser Fall nicht isoliert steht, sondern symptomatisch für den journalistischen (aber nicht nur diesen) Umgang mit Zahlen ist, demonstriert Preppner an einem noch drastischeren Beispiel: 385 Millionen Menschen sollen sich demnach jährlich mit Pestiziden vergiften, 11.000 sterben daran. Diese Zahlen stammen aus einer Schätzung von 2020, die der Wissenschaftsverlag Springer Nature später zurückzog – methodisch unhaltbar. Nachdem die Heinrich-Böll-Stiftung sie 2022 in ihrem Pestizidatlas zitierte, griffen viele Medien sie dennoch auf. Nun waren die Zahlen nicht mehr aus dem Netz zu kriegen. Preppner berichtet, dass sie weiterhin auf 350 Websites zu finden seien – von Tagesschau.de über die ZEIT bis zum Guardian. Mehr als zwei Dutzend Redaktionen seien angeschrieben worden, kaum jemand habe sich korrigiert. Und jetzt reproduzierten auch noch KI-Chatbots diese falschen Zahlen.

Die Lehre daraus: Das Zwei-Quellen-Prinzip ist tot
Früher lernten Journalisten, dass man keine Tatsache verbreitet, ohne mindestens zwei seriöse unabhängige Quellen nachweisen zu können. Das hilft längst nicht mehr, weil im Internet alle alles remixen – und KI künftig noch viel mehr und intransparenter. Eine skeptische Grundhaltung gegenüber Zahlen ist unabdingbar, auch bei seriösen Organisationen. Wichtig ist, die eigene Skepsis mitzutransportieren. Und manchmal, wenn Zahlen verdächtig erscheinen oder sich einfach nicht erhärten lassen, gilt der einfachste Rat: weglassen.


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Die 16-Wörter-Leitplanke und wo sie herkommt

Unser Arbeitsgedächtnis hat beim Textverstehen nur sehr begrenzte Kapazitäten: 16 Wörter pro Satz gelten als Obergrenze. Wir erklären, woher diese Zahl stammt und inwiefern Satzzeichen wie Kommata oder Doppelpunkte das Textverstehen beeinflussen.

Von Stefan Brunn

Texten kann man dann am besten folgen, wenn ihre Gedanken einer nach dem anderen leicht konsumiert werden können. „Fluid information“ heißt es in der Psychologie, wenn man den Infos live folgen kann – ohne Störungen, Unterbrechungen, Zurückspulen. Dabei stößt unser Arbeitsgedächtnis schnell an seine Grenzen: Mehr als 16 Wörter pro sinnvoll gebautem Satz lassen sich kaum gleichzeitig verarbeiten. Diese Zahl stammt aus speziellen Studien zum Textverstehen. Forscher (wie hier etwa Andreas Liebl von der Universität Eichstätt) haben sich dazu experimentell angeschaut, wie viele Wörter aufgenommen und verstanden werden. Und sie zeigen auch, wie sich diese Menge verändert, wenn die Wörter in einem Satz bzw. einem inhaltlichen Kontext stehen. Während es viel Forschung dazu gibt, wie viele Wörter man sich isoliert merken kann (etwa Katze, ächz, Datum, gähnen, sardonisch …), existieren viel weniger Erkenntnisse dazu, wie viele Wörter in einem Satz man noch sinnvoll wahrnehmen kann. Schade!

Natürlich hängt eine solche Grenze nicht nur von der reinen Wortzahl ab, sondern auch von Bedeutung und Struktur. Ein linearer 16-Wort-Satz mit vertrauten Wörtern wird natürlich besser vom Gehirn verarbeitet als ein verschachteltes 16-Wort-Gebilde voller Fachbegriffe. Das erklärt, warum auch ein Satz mit 20 einfachen Wörtern leicht verdaulich sein kann, während man manch anderen mit nur 10, aber dafür schwierigen Wörtern gedanklich kaum runterkriegt. Kurze Sätze allein sind also kein Allheilmittel für Texte. Und die Satzlänge von 16 Wörtern ist nur ein Richtwert.

Und dann wären da noch die Satzzeichen. Sie können Orientierung geben und für einen guten Rhythmus sorgen. Wir nutzen sie idealerweise, um Informationen zu kleineren Portionen zu verarbeiten und gleichzeitig keinen Stakkato-Stil zu bekommen. Für die einzelnen Satzzeichen gelten aber unterschiedliche Regeln:

Kommata: Nicht zu viele! Aber wenn man sie dosiert einsetzt, ermöglichen sie es, in einem schönen abwechslungsreichen Stil zu schreiben. Dann sind auch mal bis zu 25 Wörter pro Satz okay.

Doppelpunkte: Ein sehr schönes Mittel, wenn man es nicht übertreibt. Der Doppelpunkt signalisiert: Achtung, jetzt kommt was Anderes, was Besonderes, was Wichtiges.

Klammern: Für Ein-Wort-Erklärungen eine gute Sache. Nicht geeignet, um darin ganze Gedanken zu äußern, die eigentlich einen eigenen Satz verdient hätten. Wenn in einer Klammer ein Punkt auftaucht, sollte sofort der Alarm losgehen.

Gedankenstriche: Immer dann gut, wenn nur einer davon im Satz vorkommt. Dann kann er am Ende vom Satz noch mal einen Tusch setzen – und so für besondere Aufmerksamkeit sorgen. Zwei Gedankenstriche in einem Satz sind meist schlecht bzw. nur bei kurzen Sätzen und ganz kurzen Einschüben okay.

Semikolons: Selten hilfreich, eher irritierend. Irgendwo zwischen Komma und Punkt zu verstehen. Ganz selten sinnvoll, wenn man gerade kein Komma machen kann und keinen Punkt setzen will.

Fragezeichen: Schönes Mittel, das die Betonung ändert und zum Mitdenken einlädt. Funktioniert bei manchen Textsorten super (Reden), wirkt bei anderen unangemessen (Entscheidungsvorlagen). Insgesamt aber zu selten verwendet. Warum nicht mal ein Fragezeichen und damit den Rhythmus ändern? Wenn in Texten allzu viele Fragen auftauchen, drängt sich die Frage auf, ob der Text wirklich Antworten gibt oder uns nur befragt …


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Grisli im Duden: erlaubt oder erfunden?

Schikoree oder Tschips? Eine dieser Schreibweisen stand tatsächlich mal im Duden, bis sie dann irgendwann wieder gestrichen wurde. Unser Quiz zeigt, welche skurrilen Varianten es tatsächlich mal in den Duden geschafft haben – und welche wir Ihnen nur untergejubelt haben.

Von Hannah Molderings

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Lange Texte, lasche Leistung

Neue KI-Sprachmodelle werben damit, immer größere Mengen an Informationen verarbeiten zu können. Um das zu testen, wird gern der sogenannte Nadel-im-Heuhaufen-Test gemacht. Wir zeigen, wie er funktioniert und dass er bei längeren Texten dann doch versagt.

Von Katrin Liffers

Fast im Wochentakt erscheinen neue KI-Modelle, die sich gegenseitig an Größe, Schnelligkeit oder Präzision übertreffen wollen. Besonders häufig fällt dabei das Schlagwort Kontextfenster. Es beschreibt – grob gesagt – die Menge an Informationen, die ein Modell berücksichtigen kann. Vergleichbar ist das mit dem Arbeitsgedächtnis beim Menschen.

Die Größe dieses Fensters wird in Token angegeben. Während vor drei Jahren ein Kontextfenster von 16.000 Token als groß galt, versprechen neue Modelle von OpenAI oder Google inzwischen 200.000 bis 1.000.000 Token. Dabei entsteht leicht der Eindruck: Ganz gleich, ob ein Satz am Anfang oder am Ende eines Dokuments steht – das Modell verarbeitet ihn mit der gleichen Sorgfalt.

Der Nadel-im-Heuhaufen-Test
Genau das soll der Nadel-im-Heuhaufen-Test überprüfen. Die Idee: Man versteckt eine „Nadel“ – also eine eindeutige Information – in einem sehr langen Text („Heuhaufen“) und fragt das Modell danach. Kann es die Info zuverlässig wiedergeben, gilt das als Beweis, dass es mit langen Kontexten umgehen kann.

Wo der Test an seine Grenzen stößt
Das klingt zunächst plausibel. Doch unsere Erfahrungen mit langen Texten und neuere wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Dieser Test misst nur eine sehr einfache Fähigkeit – das Erkennen exakter Wortübereinstimmungen. Für solche Aufgaben würde aber ja meist sogar ein simpler Suchalgorithmus reichen.

In der Praxis aber erwarten wir von einer KI mehr: Da wollen wir zum Beispiel alle Textstellen finden, die sich mit einem bestimmten Thema befassen, oder wir wollen einen langen Text zusammenfassen lassen, ohne dass wichtige Inhalte verloren gehen. Und ob das möglich ist, belegt der Nadel-im-Heuhaufen-Test nicht.

Andere Tests, andere Ergebnisse
Tatsächlich zeigen neuere Studien, dass die Leistung vieler Modelle mit zunehmender Kontextlänge sinkt – und zwar deutlich vor dem eigentlichen Limit des Kontextfensters. Eine brandneue Untersuchung weist nach, dass die Modelle beim semantischen Suchen (also dem Erkennen inhaltlicher Zusammenhänge) weit schlechter abschneiden als beim reinen Wort-Matching. Eine andere Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Sprachmodelle umso weniger zuverlässig zwischen relevanten und irrelevanten Inhalten unterscheiden können, je länger der Kontext wird.

Fazit
Der Nadel-im-Heuhaufen-Test liefert einen zwar einfachen, aber sehr eingeschränkten Blick auf die Fähigkeiten von KI-Modellen. Wer wirklich wissen will, wie gut sie mit langen Kontexten umgehen, muss ausführlichere Tests vornehmen – und sollte gegenüber vollmundigen Marketingversprechen skeptisch sein.


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Wie bezwingt man den K2?

Der Konjunktiv II ist für viele ein unbezwingbarer Gipfel im Grammatik-Gebirge. Wir liefern jetzt die richtige Ausrüstung, indem wir klären, wann man den K2 überhaupt braucht.

Von Katrin Liffers

Der Konjunktiv II gehört nicht zu den beliebtesten sprachlichen Formen der deutschen Sprache 😉 Das liegt vor allem daran, dass vielen nicht klar ist, wann man ihn überhaupt verwenden muss. Wir weisen deshalb in drei Etappen einen sicheren Weg:

Höflichkeit und Zurückhaltung – der sanfte Anstieg
Die erste Etappe ist noch gut begehbar und führt durch angenehmes Gelände: Der Konjunktiv II wird oft verwendet, um Bitten, Fragen oder Vorschläge höflicher und zurückhaltender zu formulieren. Dadurch wirken Aussagen weniger fordernd und respektvoller gegenüber dem Gesprächspartner:

Beispiele:

  • Könnten Sie mir bitte die Unterlagen schicken?
  • Wir sollten den Plan noch einmal überdenken.
  • Das könnte funktionieren.

Wünsche und Vorstellungen – Blick aufs Gipfelkreuz
Wenn der Weg zu anstrengend erscheint, hilft oft der Blick aufs Ziel – auch wenn es aktuell noch in der Ferne liegt. Um diese Vorstellungen und Wünsche zu versprachlichen, die (zumindest im Moment) nicht erfüllbar sind oder nicht der Realität entsprechen, verwendet man im Deutschen den Konjunktiv II – oft verbunden mit einem leichten Bedauern, dass die Realität anders aussieht.

Beispiele:

  • Ich wünschte, ich wäre schon fertig mit der Aufgabe.
  • Wenn ich mehr Zeit hätte, läse ich mehr Bücher.

Indirekte Rede – die Nebelpassage
Die letzte Etappe wird noch einmal anspruchsvoll und verlangt einen sicheren Blick für Kontext und Sprachgefühl. In der indirekten Rede kann der Konjunktiv II nämlich zwei unterschiedliche Funktionen erfüllen:

  1. Ausdruck von Zweifel: Er zeigt an, dass man Zweifel am Wahrheitsgehalt des Inhalts hat, den man wiedergibt.
  2. Vermeiden einer Formverwechslung: Wenn der Konjunktiv I identisch mit dem Indikativ ist, weicht man auf den Konjunktiv II aus, um Missverständnisse zu vermeiden.

Beispiel: Alex und Tina sagten, sie hätten keine Zeit.

Zweifel: Hätten kann bedeuten, dass man Alex und Tina nicht glaubt und ihnen unterstellt, dass sie eigentlich schon Zeit haben.

Formverwechslung: Hätten kann aber auch lediglich verwendet worden sein, um deutlich zu machen, dass es sich um indirekte Rede handelt. Denn der Konjunktiv I (haben) würde sich nicht vom Indikativ unterscheiden.

Welche Funktion im konkreten Fall vorliegt, lässt sich oft nur aus dem Kontext erschließen.

Mit dieser Ausrüstung fällt Ihnen die nächste Tour zum Konjunktiv-Gipfel hoffentlich leichter. Das Wichtigste sind Ausdauer und Übung!


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Saubere Texte auf Knopfdruck

Zwischen Copy & Paste lauert leider oft das Formatierungs-Chaos. Unser neues Tool schafft hier einfach und kostenlos Abhilfe: Die Textwaschmaschine entfernt selbst hartnäckige Formatierungen und poliert sogar die Typografie.

Von Katrin Liffers

Mal eben einen Text von einem Layout ins andere überführen, ohne dass einem die komplette Formatierung zerschossen wird: der Traum aller, die mit Texten zu tun haben. Viele Textverarbeitungsprogramme bieten diese Funktion an – wirklich klappen tut es aber in den seltensten Fällen. Regelmäßig muss man doch noch Schriftarten und -größen angleichen, Umbrüche entfernen und die Textausrichtung anpassen.

Wenn wir auf Nummer sicher gehen wollten, haben wir deshalb in der Vergangenheit auf Microsofts guten alten Text-Editor zurückgegriffen: Den Text einmal in die Software eingefügt und schon sind alle ursprünglichen Formatierungen verschwunden. Seit dem letzten Update des Text-Editors besitzt allerdings auch dieses Programm einige Textformatierungsoptionen, sodass der Trick nicht mehr so einfach klappt. Also haben wir nach einer neuen Lösung gesucht.

Gefunden haben wir allerdings keine – und deshalb eine eigene Lösung für diese Alltagsaufgabe programmiert: unsere Textwaschmaschine. Mit nur einem einzigen Waschgang bereinigt sie alle Texte, die man in die Trommel steckt.

Die Textwaschmaschine …
• vereinheitlicht Schriftart und -größe,
• setzt alles in linksbündigen Flattersatz,
• entfernt Hervorhebungen (fett, kursiv, unterstrichen),
• löscht Absatzeinzüge, Abstände, Linien sowie Tabellenfragmente und
• entfernt Bilder.

Und weil wir schon einmal dabei waren, haben wir unsere Maschine direkt mit ein paar zusätzlichen Waschgängen ausgestattet, die uns die Textarbeit erleichtern: Die Textwaschmaschine wandelt falsche Anführungszeichen in typografisch korrekte Anführungszeichen um, ersetzt zu kurze Gedankenstriche durch richtige und reduziert doppelte Leerzeichen auf einfache.

Was noch fehlt: dass die Texte stilistisch besser duften. Am Lenor der Rhetorik arbeiten wir noch. 😉

Ausprobieren kann man die Textwaschmaschine übrigens direkt hier oder auf textwaschmaschine.imkis.de:

 


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