Weiß nicht: Stand heute habe ich Vertrag bis 2021. Heißt: Erst mal weitermachen!

Woher kommt dieses moderne „Kurzdeutsch“ und stimmt es, dass inzwischen auch gebildete Erwachsene so sprechen? Ein Interview im Focus deutet jedenfalls darauf hin.

Von Stefan Brunn

Als der Schauspieler Ulrich Noethen kürzlich dem Focus ein Interview zum neuen Kinofilm „Deutschstunde“ gab, verbarg sich in seinen Antworten ein sprachlicher Trend. Die Wissenschaft ist sicher, dass es diesen Trend gibt, nur über den Namen ist man sich nicht einig. Aber zunächst einmal ein paar Beispiele aus dem Interview:

[…] Oft lästig, kann aber auch Spaß machen. […]
[…] Kommt darauf an. […]
[…] Muss ja getan werden.
[…] Weiß nicht.[…]
[…] Die auch wehtun können. Auch mir selbst. […]
[…] Unbedingt. Aber nicht sofort. Erst mal runterkommen.

Ist es Ihnen aufgefallen? Noethen nimmt hier viele sprachliche Abkürzungen. Und seine Antworten liegen voll im Trend: Immer häufiger heißt es „Er hat noch Vertrag bis 2021“ statt „Er hat noch einen Vertrag bis 2021“. Kaum noch jemand spricht „Das heißt“ am Anfang eines Satzes aus. Stattdessen heißt es meist nur noch: „Heißt:“.

Ein anderes typisches Beispiel ist die Formulierung „Stand heute“. Im Handelsblatt beispielsweise war kürzlich zu lesen: „Profitieren würde von einer Senkung des Wahlalters – zumindest Stand heute – vor allem die Ökopartei selbst.“ Früher hätte man sicher ausformuliert: „nach heutigem Stand“. Aber das Handelsblatt ist nur eines von vielen Blättern, deren Autorinnen und Autoren zunehmend solche sprachlichen Abkürzungen nehmen. In den letzten Wochen konnte man die Stand-heute-Abkürzung auch im Tagesspiegel oder in der Neuen Zürcher Zeitung finden.

Der Satzverkürzungs-Trend war schon vor ein paar Jahren ein Diskussionsthema unter Germanisten und Journalisten, als die Soziolinguistin Diana Marossek mit einem Bestseller und folgenden öffentlichen Auftritten ihren Namensfavoriten „Kurzdeutsch“ etablierte. Marossek führt den Trend vor allem auf Migrationseinflüsse aus der Türkei und arabischsprachigen Ländern zurück. Am Anfang waren es wohl vor allem Jugendliche, die aus Coolness-Gründen so sprachen, auch solche mit deutscher Muttersprache. Inzwischen aber ist „Kurzdeutsch“ in allen Bevölkerungsschichten zu hören – mehr oder weniger natürlich. Das aktuelle Beispiel aus dem Noethen-Interview zur „Deutschstunde“ zeigt jedenfalls, dass dieser elliptische Stil auch bei Schauspielern und in großen Zeitschriften angekommen ist. Schlimm muss das übrigens nicht sein: Abkürzungen zu gehen ist ja in der Kommunikation immer eine Überlegung wert! ☺

Zum Thema „Kurzdeutsch“ betten wir hier ein Video vom Auftritt Diana Marosseks bei einem Science-Slam ein.

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