Bürokratensprache lässt Kriege sauber aussehen

Wie sensibel stellen Journalisten in Deutschland Kriege dar? Eine neue Dissertation widmet sich diesem Thema, geschrieben von unserem Kollegen Mathias Wolff. Er kommt darin zu spannenden Ergebnissen und leitet Vorschläge für eine bessere Berichterstattung ab. Stefan Brunn hat ihn auf dem ganz kurzen Dienstweg dazu befragt.

Am Ende Deines Buches gibst Du ja Empfehlungen für die redaktionelle Praxis. Dabei forderst Du, die Gräuel des Krieges nicht menschenleer zu beschreiben, auch wenn das „Klarheitsschmerzen“ bedeute. Die Reporter sollen herumliegende Leichen und amputierte Gliedmaßen durchaus erwähnen, weil der Krieg vorstellbar werden muss.
Natürlich geht es mir nicht um eine blutrünstige Sprache, um eine extra reißerisch-voyeuristische Darstellung. Aber wenn „bei einem Luftschlag Panzer ausgeschaltet“ wurden, heißt das nicht, dass in die Luft geschlagen wurde. Sondern dass in diesen Panzern höchstwahrscheinlich Soldaten saßen, von denen jetzt nur noch ein Häufchen Asche übrig ist. Genauso, wenn „Stellungen angegriffen“ werden oder wenn „gegen Ziele vorgegangen“ wurde: Es wird nicht ansatzweise klar, was dort geschehen ist. Die Wortwahl der Kriegsberichterstattung ist furchtbar technisch-abstrakt. Im Grunde Militärsprache, Bürokratensprache. Krieg erscheint sauber und unblutig. Selbst wenn wir Fragen ethischer Verantwortung ganz außen vor lassen, also rein aus handwerklicher Sicht: Die Medien sollen das Geschehene so konkret und realitätsnah wie möglich abbilden. Das erwarten wir, das ist doch ein Grundanspruch, den wir alle als Leser, Zuschauer und so weiter haben – egal ob in der Sport-, Wirtschafts- oder Kriegsberichterstattung. Und für die Kriegsberichterstattung der deutschen Qualitätspresse muss ich leider sagen: Sie ist oft meilenweit davon entfernt.

Du gehst auch auf den Unterschied zwischen „sind gestorben“ und „Die Soldaten töteten“ ein. Passiv-Konstruktionen seien problematisch, weil sie den Täter verschwiegen. Aber unterläuft das Passiv den Autoren eher oder formulieren sie vorsätzlich im Passiv? Konntest Du das irgendwie ableiten?
Es ist sehr offensichtlich, dass viele Journalisten ihren Sprachgebrauch viel zu wenig reflektieren. Ich fürchte, dass vielen nicht ansatzweise klar ist, wie sehr Passivkonstruktionen die Wertung verändern können – und letztlich eine der Kriegsparteien begünstigen. Es gibt aber auch Indizien für einen möglichen Vorsatz. Zum Beispiel in der Welt, bei der Berichterstattung über den Afghanistankrieg und den israelisch-palästinensischen Konflikt: Für die Handlungen der USA und Israels werden deutlich mehr Passivformulierungen verwendet als für die Handlungen der Taliban beziehungsweise Palästinenser. Israel und die USA möglichst glimpflich davonkommen zu lassen, ihre Handlungen durch Passivformulierungen sozusagen weichzuspülen – das deckt sich schon sehr mit den redaktionellen Leitlinien des Axel-Springer-Konzerns.

Manche Begriffe sind im Krieg ja umstritten, weil sie schon eine Tendenz beinhalten. Wie sollten Journalisten damit umgehen? Reichen Anführungszeichen um einen „Islamischen Staat“? Du redest von „Distanzierungssignalen“ …
Wichtig ist, dass der Autor überhaupt ein solches Signal aussendet, wenn Begriffe der Kriegsparteien verwendet werden. Oft werden Anführungszeichen reichen müssen, allein schon aus Gründen der Praktikabilität. Aber natürlich ist es noch transparenter und konkreter, wenn ich zum Beispiel schreibe: „der selbst ernannte Islamische Staat“. Oder wenn ich nicht bloß „smarte“ Munition schreibe, sondern zusätzlich die Quelle benenne: „Die Bundeswehr spricht hier von smarter Munition …“ Entscheidend ist aber, sich klar zu machen, dass wir nicht nur über so offensichtliche Kandidaten wie die viel zitierte Präzisionsbombe reden. Auch Begriffe wie Friedensmission, humanitäre Intervention oder Stabilisierungseinsatz müssten wenigstens in Anführungszeichen stehen. Sie beinhalten klare Wertungen, um nicht zu sagen Weltbilder.

Du forderst auch, dass man formal ausgewogener berichtet, also die Argumente beider Kriegsparteien zu gleichen Teilen zitiert. Ist das so eine Art Quotenvorschlag? In der Syrien-Frage kriegen die Russen 30, Assad 30 und die EU jeweils 30 Zeilen?
Das mit der Ausgewogenheit ist bewusst provokant formuliert. Nein, ich meine es nicht als Quote und auch nicht im streng mathematischen Sinne. In der redaktionellen Praxis würde das oft unsinnig sein. Schließlich gibt es über die eine Seite manchmal mehr zu berichten als über die andere. Aber wir haben es mit einem massiven Ungleichgewicht zu tun: Ich habe den Afghanistankrieg, den Libyen-Krieg 2011 und den israelisch-palästinensischen Konflikt untersucht. Ergebnis: Die „westlichen“ Kriegsparteien – USA/Bundeswehr/Nato/Israel etc. – kommen viermal so oft zu Wort; auf sie entfallen 80 Prozent aller Zitate. Der Glaubwürdigkeit der Medien würde es gut tun, wenn sie die „fremdere“ Seite nicht so systematisch ausblenden würde. Jetzt kann man sagen: Soll Assad für seine Sicht der Dinge wirklich so viel mehr Raum bekommen – oder sogar die Taliban oder der „IS“? Ich finde: ja. Die Redaktionen würden das Publikum jedenfalls viel ernster nehmen, wenn sie ihm mehrere Perspektiven präsentieren würden, um sich eine eigene Meinung bilden zu können.

Würden sich die Medien damit nicht zu Sprachrohren für die Propaganda von Terroristen machen?
Ich glaube, dass der gegenteilige Effekt der Fall wäre: Je öfter Taliban- und „IS“-Sprecher zu Wort kommen, desto schneller entlarven sie sich und ihre unhaltbaren Positionen. So viel Vernunft traue ich den Lesern noch zu, dass sie ihren Partner nicht sofort steinigen, wenn sie ihn bei einem Seitensprung erwischen, nur weil das eine Position im Meinungsangebot der Tageszeitung war.

Ein weiterer Vorschlag, den Du machst, lautet, verkürzt gesagt: Schreibt mehr Meta-Kommentierungen! Was ist damit gemeint?
Redaktionen sollten ihre Quellen und Recherche-Entscheidungen viel deutlicher offenlegen. Es sollte zum Standard werden, dass neben vielen Artikeln ein kleiner Kasten steht, in dem die Redaktion ihr eigenes Vorgehen kommentiert: Warum wurden diese beiden Quellen verwendet, warum eine dritte bewusst weggelassen? War der Korrespondent wirklich am Schauplatz in Syrien oder 700 Kilometer entfernt in seinem Büro in Kairo? Das erfordert sicher Mut, sich so in die Karten schauen zu lassen. Aber ich glaube, dass diese Form von Transparenz ein entscheidender Schlüssel sein kann, wenn die etablierten Medien Glaubwürdigkeit zurückgewinnen wollen.

Letzter Punkt: Du sprichst Dich für ein Nachrichten-Gütesiegel aus. Aber wer soll das vergeben? Schwebt Dir eine Prüfstelle für wahrheitsverzerrende Schriften vor?
Dieses Gütesiegel ist erstmal nicht mehr als ein Stichwort, ein Impuls für die mediale Qualitätsdebatte. Gütesiegel gibt es für unzählige Produktgruppen – warum nicht auch für journalistische Produkte? Es würde ja erstmal reichen, gewisse Mindeststandards zu checken und damit für Fake News zu sensibilisieren: Wurden beide Seiten gehört? Werden bloße Behauptungen transportiert oder gibt es überprüfbare Quellen? Eine staatliche Institution erscheint mir problematisch – das wäre Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker und Lügenpresse-Rufer. Am besten wäre es natürlich, wenn es einem kritisch-mündigen Publikum wert wäre, diese „Prüfstelle“ zu finanzieren, und wenn alle Medien mit Qualitätsanspruch sich freiwillig beteiligten. Wobei mir klar ist, dass das jetzt eine ziemlich optimistische Aussage war.

Mathias Alexander Wolff: Kriegsberichterstattung und Konfliktsensitivität. Qualitätsjournalismus zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wiesbaden: Springer VS, 2018. 340 Seiten; 39,99 Euro. ISBN 978-3-658-22089-1.

https://www.springer.com/de/book/9783658220884#otherversion=9783658220891