Nein, Verneinungen gehören nicht an den Anfang!

„Es gibt kaum etwas Schlimmeres für einen Anfang als die Negation.“ So heißt es in einer neuen „Kleinen Rhetorik des Schreibens“. Ihr zufolge brauche man bei Verneinungen gut 50 Prozent mehr Zeit, um den Sinn zu verstehen. Wir leuchten das Dunkelneinfeld einmal hell aus.

Von Stefan Brunn und Katrin Liffers

„Auf so etwas hat man als Leser keine Lust.“ So begründet der ehemalige Journalist Reinhard Tschapke (u. a. DIE WELT), warum man Negatives am Anfang von Texten meiden sollte. Er schreibt das in seinem Kapitel über die ersten Sätze im Text und verweist auf ein Ergebnis aus der Leseforschung: Tauchen in Sätzen Verneinungen auf, benötigen Leserinnen und Leser im Durchschnitt rund 50 Prozent mehr Zeit, um deren Inhalt zu verstehen. Das klingt zunächst harmlos – ist aber sehr relevant für alle, die einen guten Stil pflegen.

Verneinungen kommen oft verkleidet daher

Meine Kollegin Hannah Molderings hat vor Jahren einmal für den Zeilenhacker ein Quiz erstellt, bei dem man ganz gut sehen konnte, wie schwer es uns Verneinungen machen. Zum Beispiel so:

„Wir treten mit aller Entschiedenheit den völlig haltlosen Behauptungen entgegen, es habe im Zusammenhang mit der Bewerbung für die Fußball-WM beim DFB keine ‚schwarzen Kassen‘ gegeben.“

Original-Zitat des Deutschen Fußball-Bundes

Oder so:

„Falsche Bescheidenheit gehörte nicht zu seinen Charakterschwächen.“

aus einem Nachruf in der ZEIT

Wer genau hinschaut, sieht an den beiden Beispielen, dass Verneinungen auch durch etwas anderes als echte Negationen zustande kommen können: nämlich auch durch sogenannte Negativoide. So nennt man eingeschränkte Verneinungen wie „kaum“ oder „selten“. Besonders tückisch sind sie in Tateinheit mit einer echten Negation (wie „nicht“ oder „keine“) oder einem anderen Wort, das indirekt verneint: In den obigen Beispielen wären das etwa „entgegentreten“, „abstreiten“, „falsch“, „Schwächen“ oder „schwarze Kassen“. Wenn man mehrere solcher zusammengebauter Elemente semantisch auflösen will, muss man schon das Großhirn anschmeißen.

Warum machen die Verneinungen mehr Arbeit beim Lesen?

Der Grund liegt im Verarbeitungsprozess von Verneinungen: Wird eine Aussage verneint, baut das Gehirn zunächst automatisch die bejahte Bedeutung auf und muss sie anschließend wieder aktiv stoppen. Dieses Stoppen ist ein messbarer neuronaler Vorgang. Studien zeigen, dass Verneinungen dieselben unterbindenden Mechanismen aktivieren, mit denen wir auch Handlungen unterdrücken – etwa wenn wir eine begonnene Bewegung abrupt abbrechen. Verneinungen funktionieren demnach wie eine mentale Vollbremsung: Erst wird eine Bedeutung aktiviert – dann gezielt gedämpft.

Im Deutschen wirken Verneinungen besonders negativ

Dieses Phänomen wird in der deutschen Sprache zusätzlich durch die typische Struktur von Sätzen verstärkt. Die Verneinung steht in deutschen Sätzen in der Regel sehr weit hinten im Satz („Ich mag das Essen meiner Mutter nicht“). Dementsprechend spät im Verarbeitungsprozess wird dem Gehirn mitgeteilt, dass es bremsen muss. In Sprachen wie dem Französischen, in denen die Verneinung früher im Satz steht, fällt die Verarbeitung dementsprechend leichter („Je n`aime pas la cuisine de ma mère“).

Unauffällige Neins machen es noch komplizierter

Hinzu kommt: Je unauffälliger eine Verneinung ist, desto schwieriger wird sie zu verarbeiten. Isolierte Wörter wie „nicht“, „nie“ oder „kein“ sind gut erkennbar. Anspruchsvoller sind gebundene Morpheme wie „un-“ in „unglücklich“. Und besonders tückisch sind oben schon erwähnte Wörter wie „selten“, „kaum“ oder „wenig“ (Negativoide), die erst auf den zweiten Blick als Negationen funktionieren.

„Nicht heiß“ ist nicht kalt

Eine weitere Erkenntnis der Negationsforschung: Verneinungen kehren Bedeutungen nicht einfach um, sondern schwächen sie ab. In der Untersuchung eines Forschungsteams der New York University zeigte sich, dass Formulierungen wie „nicht heiß“ vom Gehirn eher als „weniger heiß“ verarbeitet werden – nicht als „kalt“. Verneinungen schaffen also Zwischenstufen statt klarer Gegensätze.

Fazit: Schreiben, was ist – und nicht, was nicht ist …

„Man sollte nicht erst schreiben, was eine oder einer nicht oder auf gar keinen Fall ist, um danach erst anzudeuten, was er oder sie vielleicht ist.“ So heißt es in der „Kleinen Rhetorik des Schreibens“ von Reinhard Tschapke. Das lenke beim Lesen ungeheuerlich ab. Der Mann hat natürlich Recht, auch wenn es viele Fälle gibt, in denen sich dann doch mal eine Verneinung als gut erweist. Sie sind nichts Falsches nicht. Aber sie bremsen eben das Verständnis aus und martern unser Hirn. Also: Schreiben Sie lieber nicht, was nicht ist, was ist.

Reinhard Tschapke: Kleine Rhetorik des Schreibens. Über Sprache und den Mut zum eigenen Satz. IFB Verlag Deutsche Sprache, 2025. 142 Seiten; 18 Euro. ISBN: 978-3-949233-30-2

 


Seminare Icon

Neugierig geworden?

Wir von IMKIS lieben es, Entwicklungen rund um Kommunikation und Sprache zu durchleuchten – und geben dieses Wissen auch in Seminaren weiter. Vielleicht finden auch Sie etwas in unserem Portfolio?

UNSERE SEMINARE