Wer ahnt, dass er fliegt, spricht anders

Kündigungsgefährdete Top-Manager verraten sich durch ihre Wortwahl. Eine Sprachanalyse von über 45.000 Telefonkonferenzen zeigt: CEOs sprechen schon lange vor ihrer Entlassung distanzierter und ich-bezogener. Wir nennen die verräterischsten Formulierungen.

Von Katrin Liffers 

Manchmal verrät ein Gespräch mehr, als die Sprecher:innen selbst ahnen. Ein ungewohnt nüchterner Ton, ein sehr oft auftretendes Ich – solche kleinen Nuancen können erstaunlich viel darüber aussagen, was in jemandem vorgeht.

Genau diese sprachlichen Nuancen hat ein Forschungsteam der Universität von Ottawa in einer großen Studie untersucht. Acht Jahre lang haben die Forschenden mehr als 45.000 Telefonkonferenzen von CEOs verschriftlicht und anschließend mit einer Software statistisch ausgewertet, die auf 80 unterschiedliche sprachliche Merkmale trainiert war.

Dann verglichen die Forschenden zwei Gruppen miteinander: Wie sprechen CEOs, die bald ihren Job verlieren, und wie klingen diejenigen, die bleiben? Die große Frage dahinter war, ob man allein aus der Sprache ablesen kann, ob jemand bald gefeuert wird. Die Antwort: Ja. Und zwar erstaunlich gut. 

Die sprachlichen Vorzeichen einer Kündigung

„Ich“ im Mittelpunkt
Je näher die Kündigung rückt, desto öfter hört man das Wort Ich. Statt wir entwickeln oder unser Team plant traten Formulierungen wie ich habe entschieden, ich plane, ich bin verantwortlich vermehrt auf. Damit stellen die CEOs ihre eigene Leistung und ihre Fähigkeiten stärker in den Vordergrund.

Analytischer Blick
Auffällig ist auch ein sprachlicher Schwenk ins Analytische: Wörter wie analysieren, evaluieren oder strukturieren tauchen häufiger auf. Die Sätze wirken dadurch geordneter und logischer, aber eben auch ein Stück distanzierter.

Macht und Kontrolle
Begriffe, die Einfluss, Verantwortung oder Kontrolle signalisieren, treten verstärkt auf. Dazu gehören Wörter wie führen, verantworten, kontrollieren oder dominieren.

Fokus aufs Jetzt
Formulierungen, die sich auf Zukunft oder Vergangenheit beziehen, nehmen ab. Stattdessen richtet sich der Blick auf die Gegenwart mit Wörtern wie aktuell, heute oder dieses Quartal.

Besonders spannend: Diese Sprachmuster tauchen schon neun Monate vor der Entlassung auf – und verstärken sich kontinuierlich.

Die Sprache von denen, die bleiben

Wir-Gefühl
CEOs, die ihren Posten behalten, sprechen häufiger in der Wir-Form. Und auch Formulierungen wie das Unternehmen, die Mitarbeitenden oder unser Team sind oft zu finden. Die Sprache wirkt dadurch stärker gemeinschaftsorientiert und betont die Zusammengehörigkeit.

Authentizität
Ihre Sätze klingen natürlicher, direkter, weniger wie aus dem Management-Baukasten. Das liegt daran, dass die Sätze direkter, klarer und sprachlich näher am Alltagsgebrauch sind.

Mehr Gefühle
Bei diesen CEOs treten häufiger emotionale Ausdrücke auf wie freuen, zufrieden, stolz oder herausfordernd. Gefühle und Bewertungen werden also sprachlich sichtbarer. Das macht die Sprache spürbar wärmer und deutlich menschlicher.

Sichtbare Unsicherheit
Verbleibende CEOs nutzen häufiger abwägende und vorsichtige Formulierungen wie könnte, möglicherweise oder wir prüfen noch. Ihre Sprache enthält mehr Unsicherheitsmarker und Modalverben, was als Zeichen von Offenheit interpretiert werden kann.

Die Ergebnisse legen nahe, dass CEOs spüren, wenn sich ihre berufliche Situation verändert, und zwar schon lange, bevor es offizielle Entscheidungen gibt. Und dieses Gespür schlägt sich dann auch in ihrer Sprache nieder: Die ich-bezogenen und kontrollierten Formulierungen können vor diesem Hintergrund als ein Versuch gedeutet werden, das eigene Bild zu stabilisieren. Nach Einschätzung der Forschenden wird Sprache damit zu einer Art Frühwarnsystem, das erstaunlich zuverlässig funktioniert.


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